Spazieren hilft

Musik

Ed O’Brien gelingt mit «Blue Morpho» ein wunderbar schwebendes Album. Es erzählt vom Weg aus der Krise und ist getragen von einer Spiritualität, die Trost in der Schöpfung findet. 

Der Morphofalter schimmert blau. Obwohl ihm Farbpigmente fehlen. Seine Flügel sind mit unzähligen dünnen Schuppen besetzt, die aufgeschichtet sind wie Ziegel auf einem Dach. Sie fangen die blauen Lichtwellen auf und reflektieren sie. Auf den Flügeln des Schmetterlings, der in Zentralamerika verbreitet ist, leuchtet der Himmel.

Ed O’Brien ist Gitarrist der grandiosen Band Radiohead. Sein zweites Soloalbum trägt den Titel «Blue Morpho» und ist dem schillernden Schmetterling gewidmet. In seinen Liedern erzählt er von den Wundern der Schöpfung, in denen sich der Himmel spiegelt wie auf den Flügeln des flatternden Insekts.   

Der Stillstand

Vor sechs Jahren rutschte O’Brien in eine lähmende Lebenskrise. Zuvor war das Leben des heute 58-jährigen Musikers 25 Jahre lang bestimmt worden von Radiohead, der Arbeit an den oft stilbildenden Platten, den Tourneen. Die fünf Freunde hatten ihre Karriere einst mit der Aussenseiterhymne «Creep» lanciert und sich seither musikalisch kontinuierlich weiterentwickelt. 

Zudem hatte O’Brien soeben sein Solodebüt veröffentlicht. «Earth» war geprägt vom halben Jahr, das er mit der Familie in Brasilien am Rand des Regenwalds verbracht hatte. «Die Zeit hat sich unauslöschlich in mein Herz eingebrannt», sagt er. Synkopische Rhythmen und elektronische Experimente kombinierte O’Brien mit kreisenden, zurückhaltend gesungenen Melodien und Versatzstücken aus der Volksmusik unterschiedlicher Kontinente.   

Mit der Pandemie kam alles zum Stillstand. O’Brien fühlte sich ausgebrannt. Er zog sich auf sein Anwesen in Wales zurück, unternahm ausgedehnte Wanderungen durch moosbewachsene Wälder und einsame Hügellandschaften.

Schönheit der Finsternis

Intensiv befasste sich O’Brien mit den Werken des Dichters und Umweltaktivisten Wendell Berry, dem er das Motiv für seinen Schlüsselsong «Incarnations» verdankt: «Um die Dunkelheit zu verstehen, musst du in die Dunkelheit gehen.» 

Das Lied beginnt mit zarten Gitarrenakkorden, die klingen wie ein dünnes, in der Sonne glitzerndes Rinnsal, das mit der Resignation kontrastiert: «Falling deep into the hole / Can’t feel anything at all.»   Mit dem stampfenden Rhythmus und jedem neuen Instrument, das die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach brechen lässt, hellt sich der Song auf. «Open your eyes / And see the beauty in the dark.» 

Geduldig wartet das Licht

Mit fremdartig vertrauten Stimmen und einem immer komplexer werden Beat baut sich das vielschichtige Arrangement auf, bleibt jedoch jederzeit transparent. Der Weg führt durch die Angst hindurch. Sie geht nicht weg, sie verwandelt sich in Hoffnung und Vertrauen: «And there’s a light / Waiting patiently for me.»

In Interviews spricht O’Brien offen über seine Krise, erzählt von seiner Selbstheilung. Er tut dies ehrlich und demütig: Er habe nur deshalb auf Medikamente verzichten können, weil ihm seine Privilegien die Freiheit gaben, «nicht sofort wieder funktionieren zu müssen».

Wälder als Kathedralen

Wichtig wurde für O’Brien die spirituelle Praxis der Meditation. «Sie hat mir sehr dabei geholfen, mich mit verdrängten, besonders schmerzhaften Dingen auseinanderzusetzen», erklärte er dem «Musikexpress». Und die Musik. Er zwang sich, jeden Tag zwei Stunden mit der Gitarre in seinem Heimstudio zu sitzen. Aus den Klangskizzen sollten später die Songs entstehen.   

Wälder als Kathedralen   Ausserdem waren die Naturerfahrungen zentral für den Weg zurück. Die Natur habe auf ihn einen «heilenden, ja erweckenden Effekt». Die Wälder bezeichnet O’Brien als Kathedralen: «Dort fühle ich mich verbunden mit dem Geist dieser Welt.»  

Der Pfad durch das Dunkel ans Licht, den auch der Text des Eröffnungsstücks nachzeichnet, ist in allen sieben Songs präsent, die das Album versammelt. In die Kompositionen fällt immer mehr Licht, ohne dass die Schatten der Trauer verschwinden. Doch das Leuchten, das hörbar wird, ist nun nicht mehr allein eine Spiegelung des Himmels. Es kommt von innen.

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