Hauptsache radikal

Musik

Popkünstlerin M.I.A. irrlichtet durch die Politik und schreibt immer seltener grossartige Musik. Ihr neues Album widmet sie der Offenbarung und bekennt sich damit zum Christentum.

Der Beginn der Apokalypse klingt verheissungsvoll. M.I.A. zitiert auf ihrem neuen Album aus der Offenbarung und erzählt von den sieben Posaunen, mit denen die Engel die Welt dem Untergang weihen. Dazu beschleunigen die Beats das Eröffnungsstück «Prayer 777», kurz vor der tanzbaren Explosion implodieren sie. Die gerappten Bibelverse gehen in gesungenen Gebeten auf.

Vertonte Biografie

Mit zehn Jahren kam Maya Arulpragasam als Flüchtlingskind mit ihrer Mutter nach London. Ihr Vater gehörte in Sri Lanka zu den Gründern der Rebellenarmee Tamil Tigers. Die studierte Videokünstlerin widmete ihm ihr Debütalbum und hantierte darauf mit Symbolen des militanten Widerstands.

M.I.A. eroberte die Musikszene mit pulsierenden Bässen, störrischen Beats und eingängig kreisendem Gesang im Flug. Es folgte «Kala», die Platte für die Mutter, mit grossartigen Miniaturen wie «Mango Pickle Down River» oder dem fantastisch schwebenden «Paper Planes», dessen gesampelte Revolverschüsse der Sängerin den einkalkulierten Skandal und Aufmerksamkeit bescherten.

Die Gräben explodieren

Die Gräben zwischen Subkultur und Kommerz überbrückte M.I.A. nicht. Sie liess sie explodieren. Auf ihrem musikalischen Selbstporträt «Maya» versammelte sie Gegensätze von der fabelhaften Clubhymne «XXXO» bis zu der irrsinnigen Panikattacke «Born Free», die sich beim vertonten Albtraum «Ghost Rider» der Elektropioniere Suicide bediente.   Im Video stürmen Paramilitärs Häuser, prügeln Zivilisten aus dem Bett, um dann alle rothaarigen Jugendlichen in einen Bus zu pferchen. Die Gefangenen werden später über ein Minenfeld gejagt, eine schockierende Nahaufnahme zeigt die Exekution eines Knaben. Minen zerfetzen Kinderkörper.

Natürlich verbannten die kommerziellen Portale das Video flugs aus dem Netz. Arulpragasam kommentierte lakonisch, sie habe lediglich «mit etwas Kunstblut» Verbrechen, die in Sri Lanka verübt würden, nachgestellt und die Tamilen durch Rothaarige ersetzt. Als sie auf ihren Internetprofilen reale Hinrichtungen dokumentiert habe, sei der Aufschrei ausgeblieben.

Pandemie und Palästina

Mit dem Album «Matangi» folgte 2013 ihre vielleicht stärkste Platte. Zum Hit «Bad Girls» liess M.I.A. ein Video drehen für die Ewigkeit.

Ihre Sympathie für den bewaffneten Befreiungskampf der Tamilen trieb M.I.A. auch zur Parteinahme für Palästina, wiederholt kokettierte sie mit Sympathien für palästinensische Terrorgruppen. 

Die Pandemie liess die Impfgegnerin an den rechten Rand driften. Jüngst verklagte sie Kid Cudi auf gut zwei Millionen Franken, weil der Rapper sie aus dem Vorprogramm geworfen hatte, nachdem sie an einem Konzert angedeutet hatte, dass im Publikum bestimmt auch illegale Einwanderer sitzen würden. Zudem vertreibt die Verschwörungstheoretikerin eine eigene Modelinie, die vor elektromagnetischer Strahlung schützen soll.

Endlich angekommen

Zum christlichen Glauben habe sie vor bald zehn Jahren durch eine Vision gefunden, in der ihr Jesus erschienen sei, sagt Arulpragasam. «Ich war Tamilin und Hindu und auf einmal so froh, dass ich mich endlich selbst gefunden hatte.»   In die Zeit unmittelbar vor der Bekehrung fällt bezeichnenderweise das so virtuose wie introvertierte Album «I am».

Die folgende Platte «Mata» (2022) mit dem wundervollen Kleinod «Marigold» ist dann stark vom christlichen Glauben geprägt.   

Paranoia und Erweckung

Das bisherige Werk von Arulpragasam erzählt von einer so rastlosen wie kreativen Suche. Identität und Maskerade, Innerlichkeit und Inszenierung, Provokation und Verletzlichkeit, Wut und Liebe, Paranoia und Erweckung sind ineinander verwoben. M.I.A. bespielt die Extreme mit verstörender Radikalität. 

Das neuste Album «M.I.7» verliert nach starkem Beginn seine Dringlichkeit. Der missionarische Eifer kaschiert die Ideenlosigkeit nur ungenügend, die Songs wirken überproduziert und die repetitiven Zitate pädagogisch. Lediglich mit dem schwebenden Gospel «Calling» gelingt M.I.A. ein Song, der an frühere Höhenflüge erinnert. 

M.I.A.: M.I.7. Ohmni, 2026

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