Es gibt Lieder, die schlicht wahr sind. Gespeist durch persönliche Erfahrung weisen sie in ihrer Intimität über sich hinaus. Sie werden transzendent, indem sie etwas berühren, das zutiefst menschlich ist.
Patti Smith schrieb mit «Farewell Reel» ein solches Lied. Es schliesst ihr famoses Rückkehralbum «Gone Again» (1996) ab und ist dem Gitarristen Fred Sonic Smith gewidmet, mit dem sie 14 Jahre verheiratet war und der 1994 mit 46 Jahren starb.
Sie sei eine schlechte Musikerin, gestand Patti Smith in einem berührenden Gespräch mit Starjournalist Anderson Cooper. Fred habe dennoch nie die Geduld verloren. Kurz vor seinem Tod brachte er ihr jene Akkorde bei, die «Farewell Reel» ermöglichen sollten.
Wenn der Himmel lächelt
Als ob sie den kostbaren Moment aufscheinen lassen wollte, sagt sie auf der Platte zuerst leise die Akkordfolge vor sich hin: «This little song is for Fred, it’s G, C, D, and D minor.» Das schlichte Lied ist ein Zeugnis der Trauer und Hoffnung. Smith erzählt von den Kindern, die der Vater nicht mehr aufwachsen sieht, ihrer Lebensfreude, vom Schmerz, der sie immer wieder einholt. Und von der Liebe, die überdauert: «But I look up, and a rainbow appears, like a smile from heaven, and darling, I can’t help thinking that smile is yours.»
Zuflucht im Gedicht
Patti Smith ist eine Überlebende. Sie wuchs in Armut auf, wurde in der von Ratten verseuchten Wohnung immer wieder krank. Masern, Tuberkulose, schwere Migräneattacken. Sie entfloh der Quarantäne, indem sie las, Gedichte schrieb.
Auf der Suche nach einer Bleibe stolperte sie in Manhattan in die Wohngemeinschaft von Robert Mapplethorpe, der ihr Gefährte wurde. Im Augenblick des Kennenlernens schenkte er ihr jenes Lächeln, das auf dem Sterbebett nochmals auflebte: Der Fotograf starb 1989 mit 42 Jahren qualvoll an Aids.
Die Tränen müssen warten
Es war nur der erste jähe Verlust. Kurz nach Freds Tod verlor Smith ihren Bruder. Sie habe kaum um die Toten geweint, sagt sie im Podcast von Anderson Cooper. «Ich stand unter Schock.» Smith zog sich zurück, kümmerte sich um die Kinder.
Die Tränen kamen erst später. «Die Trauer kennt keine Regeln.» Und vor allem heile die Zeit keine Wunden. «Das ist eine leere Phrase, die Wunden bleiben, sie begleiten dich ein Leben lang, du musst sie pflegen, damit es keine Infekte gibt.» Aber nicht nur die Wunden bleiben. «Ich gehe mit den Verstorbenen, die ich liebe, durchs Leben.»
Mit ihrer Mutter, die sie streng religiös erzogen hatte, pflege sie über den Tod hinaus eine enge Beziehung. «Heute verstehe ich sie besser als damals, als ich jung war.»
Mit Gott verbunden
Aus dem Korsett der Dogmen befreite sich Smith 1975 mit «Gloria», ihrem ersten Hit, der eine Wucht ist: «Jesus died for somebody’s sins but not mine.»
Die Zeilen wurden oft als Absage an den Glauben missverstanden. Dabei ging es Smith um Selbstermächtigung, den trotzigen Anspruch auf die Verantwortung für eigene Fehler. Jesus sei für sie seit jeher «ein wichtiger Lehrer, eine Quelle der Inspiration», sagt sie.
Das Beten lernte Smith von ihrer Mutter. Sie verbinde ihr Gebet, ihre Beziehung zu Gott nicht mit einer bestimmten Religion, sagt Smith. «Ich glaube an den Glauben.»
Improvisation zum Sonnengesang
Stark geprägt ist sie von der Spiritualität von Franz von Assisi. Die Improvisation «Constantine’s Dream» auf dem wunderbar schillernden Album «Banga» (2012) basiert auf dem Sonnengesang. Der Boden dieser Theologie ebnete Smith den Weg zurück in die Institution, wobei sie sich vom Vatikan nie vereinnahmen liess.
Der verstorbene Papst Franziskus war für Smith eine «wichtige politische Figur», weil er eindringlich vor der Klimakatastrophe warnte. «Ich hätte ihn gewählt.» Zuletzt wurde sie von Papst Leo empfangen. Um den Hals trug sie eine Kette mit dem San-Damiano-Kreuz des Franziskanerordens.
