Vom Glück am Küchentisch

Film

Walter Lietha sezierte in seinen Liedern die Schweizer Wirklichkeit und suchte die unmittelbare Präsenz. Eine Begegnung mit dem Antiquar, Vermittler und Musiker in der Surselva. 

Mitten im Gespräch steht Walter Lietha auf, verschwindet kurz und kommt mit der Gitarre in der Hand zurück, setzt sich wieder an den Küchentisch, auf dem zwei Tassen und eine Kanne Tee stehen. Seine Finger tanzen über das Griffbrett, seine unverkennbare Stimme singt von einem talentierten Maler, der ausgezogen ist nach Paris und sich «an der Kunst verbrennt».

Akkorde, Melodie und Text fliegen Lietha zu in Momenten der Inspiration. Und so erstaunt es nicht, dass seine Rückkehr auf die grosse Bühne im letzten Sommer nicht seine Initiative war. Musikerin und Weggefährtin Corin Curschellas hatte ihn angefragt und eine Hommage mit vielen Gastmusikern organisiert. «Zwingli»-Regisseur Stefan Haupt drehte dazu den wunderbaren Film «Drum sing i grad drum».

Ein Ikarus der Malerei

Wie Walter Lietha an diesem Tag Ende März, an dem der Winter nochmals nach Trin zurückgekehrt ist, auf Andreas Walser zu sprechen kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Wer mit dem Antiquar und Liedermacher spricht, begibt sich in einen offenen Raum aus Assoziationen, Erinnerungen, Geschichten.

Eine wunderbare Hommage

Am internationalen Musikfestival «Alpentöne» in Altdorf wurde Walter Lietha mit einem Konzert geehrt, es folgten drei weitere Konzerte mit Gastmusikern. Der in seiner Unaufgeregtheit schlicht grossartige Film von Stefan Haupt stellt die Proben auf den Auftritt in Altdorf ins Zentrum. Von da aus spinnt Haupt dramaturgisch klug und erzählerisch gekonnt die Fäden zu Liethas Biografie und Laufbahn als Sänger, die auch ein Stück Schweizer Geschichte erzählt. Es geht um das Sprengen der Fesseln einer bürgerlichen Ordnung, die jungen Menschen kaum Luft zum Atmen liess, um Aufbrüche und Utopien und den Widerstand gegen die Ausbeutung der Natur. Zugleich sprechen Musikerinnen und Musiker offen über die Ökonomisierung ihrer Kunst, der sich Lietha immer konsequent entzog. Stefan Haupt gelingt es, sich Walter Lietha behutsam anzunähern. Geschickt montiert er Archivmaterial, Gespräche mit Weggefährtinnen und Bewunderern und Spaziergänge durch die Berglandschaft, in der Walter Lietha seit jeher zu Hause ist und aus der er Kraft schöpft. Faszinierend ist, wie sich die Lieder in den Proben unter der musikalischen Leitung des famosen Pianisten Christian Rösli entwickeln. Und Sophie Hunger, die treffende Worte für Liethas Werk findet, Stephan Eicher oder Michael von der Heide zuzuhören, wie sie sich die Lieder aneignen, ist ohnehin ein Glück. 

Walter Lietha – Drum sing i grad drum. Regie: Stefan Haupt. 74 Minuten. Schweiz 2026. Kinostart: 16. April

Andreas Walser wurde 1908 in Chur geboren. Sein künstlerisches Talent fiel früh auf. Der Lehrer zeigte seine Zeichnungen Augusto Giacometti. Der bereits damals arrivierte Maler aus dem Bergell ermunterte den Maturanden, sich der Kunst zu widmen. Dem Churer Pfarrerssohn mangelte es nicht an Selbstvertrauen, er pilgerte nach Davos zu Ernst Ludwig Kirchner, der ihm die Tür nach Paris öffnete.

Der Maler stieg kometenhaft auf, lernte Picasso kennen, Erika und Klaus Mann. Sein Stern verglühte. Er malte wie besessen, verlor sich in Drogen. Mit 22 Jahren starb Walser unter ungeklärten Umständen.

Immer ohne Noten

Ein paar Gemälde fanden später den Weg ins Antiquariat von Walter Lietha. So wurde er zu einem wichtigen Wiederentdecker von Andreas Walsers Werk. «Die Dinge, die ich tue, ergeben sich, sie kommen zu mir», sagt er. Ohnehin hat in seinen Augen schon verloren, wer etwas will. Was nach Koketterie klingt, ist seine Lebenshaltung.

Auch die Musik war für ihn immer da. In der Familie sang er mit seinen Eltern und den drei Brüdern vielstimmige Volkslieder. Früh setzte er sich ans Klavier. «Ich wusste gleich, wie es geht.» Den Unterricht besuchte er nur kurz, weil ihm die Lehrerin etwas beibringen wollte. Den Noten hat Lietha sich stets erfolgreich verweigert. «Musik ist meine Bestimmung, das ist einfach so.» 

Im stillen Dialog

Lietha schenkt Tee nach. Neue Lieder sind lange nicht mehr vorbeigekommen. «Das ist nicht schlimm, ich habe ja genug zu tun.» Wird er angefragt, spielt er Konzerte, die für ihn mit dem Einpacken der Gitarre und der Anreise beginnen. Sie leben von der Resonanz und dem stillen Dialog mit dem Publikum.

In die Surselva zog Lietha 2017, als er die Buchhandlung «Narrenschiff» in der Churer Altstadt aufgab. Die Schätze des Antiquariats fanden auf einer Etage und im Keller Platz. Wie die Musik waren die Bücher immer ein wichtiger Teil seines Lebens. Er war ein Teenager, als er in der Stadtbibliothek die Romane von Robert Walser auslieh.

Sich «verwalsern» lassen

Es ist ein heller Moment im Gespräch, als die gemeinsame Begeisterung für den Schriftsteller aufleuchtet. Lietha lässt «sich immer wieder neu verwalsern» vom Wortkünstler. Schreibend schlägt Walser Finten, streut Weisheiten und Einsichten in seine literarischen Spaziergänge, um sie fabulierend zu zerstreuen. Hinter Wortgirlanden lauern Abgründe der Kritik, poetische Blüten werden ironisch zerpflückt. Immer in Bewegung entzieht sich der Flaneur der Kategorisierung. Seine Texte sind Theater: Sie leben von der Aufführung.

Insofern besteht eine Verwandtschaft zwischen Walser und Lietha. Einen Beruf wollte der Sänger nie und folgte seiner Berufung. Das Lehrerseminar brach er ab, reiste nach Marseille und Istanbul, lebte fünf Jahre in Amsterdam, wo er sich als Musiker etablieren konnte.

Ein Hauch von Anarchie

In der Schweiz feierte Lietha insbesondere im Zusammenspiel mit Max Lässer grosse Erfolge. Er gab seiner Generation eine Stimme. Als er sich der Anti-Atomkraft-Bewegung anschloss und dem Anarchisten Marco Camenisch, der damals Sprengstoffanschläge auf Transformatoren und Hochspannungsmasten verübt hatte, eine Platte widmete, wurden seine Lieder aus dem Radio verbannt. 1980 verschwand Walter Lietha aus der Schweizer Musikwelt.

Es war eine stille Zensur. Wer seine Buchhandlung in Chur besuchte, stand nun unter Beobachtung. So erzählt es Lietha. Der Observation entkam er, indem er die Schweiz verliess und erneut auf Reisen ging.

Mehr als eine Buchhandlung

Obwohl er seiner Heimat immer wieder den Rücken kehrte, blieb ihr Lietha verbunden. Vielleicht gerade deshalb. Und der Musiker, der den Kapitalismus ablehnt, «weil er den Menschen von sich selbst entfremdet», vermag wirtschaftlich mit seinem eigenständigen Buchhandel zu bestehen. Er beherrscht die Kunst, frei von Ideologie radikale Gedanken zu formulieren, indem er der argumentativen Debatte ausweicht, die ihn sowieso nicht interessiert.

So ist es wohl auch zu erklären, dass Liethas Buchhandlung in Chur zum Ort wurde, an dem der Junkie ebenso willkommen war wie der Stadtpräsident. Und natürlich war es Lietha, der den Kontakt zwischen den sozialen Welten vermittelte, als die Jugendlichen in der Stadt ihren Freiraum beanspruchten. In Chur habe die Polizei nie im Autonomen Jugendzentrum vorfahren müssen, erzählt Lietha nicht ohne Stolz, als er den Gast nach dem gut zweistündigen Gespräch mit dem Auto zum Bahnhof zurück in die Stadt fährt.

Hinter den Dingen

Das Treffen hätte übrigens beinahe nicht stattgefunden. Den Termin hatte Walter Lietha erst für den nächsten Tag notiert. Entsprechend überrascht öffnet er die Tür zu seiner Dachwohnung, als es klopft. Doch statt sich lange mit dem Missverständnis aufzuhalten, bittet er mit gastfreundlicher Selbstverständlichkeit an den Küchentisch.

Spürbar wird sogleich die Präsenz, die Lietha immer sucht. Und sie ist es, die auch in Erinnerung bleibt. Es ist jene Präsenz hinter den Dingen, die Transzendenz, die leuchtet in Kunst und Literatur und der Begegnung, die beglückt.

Mehr zu diesem Thema

Innere Reinigung im Takt des Dunklen: Einstiger Sonntagsschüler Josua Käser ist Black Metal-Meister
08. April 2026, von Marius Schären

Innere Reinigung im Takt des Dunklen: Einstiger Sonntagsschüler Josua Käser ist Black Metal-Meister

Der israelische Musiker Dudu Tassa legt ein grossartiges und wunderbar schillerndes Album vor
23. Februar 2026, von Felix Reich

Der israelische Musiker Dudu Tassa legt ein grossartiges und wunderbar schillerndes Album vor

Rosalía versteht ihr so komplexes wie ambitioniertes Album als eine musikalische  Annäherung an Gott
15. Dezember 2025, von Felix Reich

Rosalía versteht ihr so komplexes wie ambitioniertes Album als eine musikalische Annäherung an Gott

Die israelische Sängerin Noga Erez legt ein fabelhaftes Album vor, das beklemmend aktuell klingt
09. Oktober 2024, von Felix Reich

Die israelische Sängerin Noga Erez legt ein fabelhaftes Album vor, das beklemmend aktuell klingt

Der Musiker Nick Cave singt sich zwischen Trauer und Trost an das Heilige heran
19. September 2024, von Felix Reich

Der Musiker Nick Cave singt sich zwischen Trauer und Trost an das Heilige heran

Beyoncé singt ein Loblied auf die Vielfalt des Lebens und holt sich den Country zurück
09. Mai 2024, von Felix Reich

Beyoncé singt ein Loblied auf die Vielfalt des Lebens und holt sich den Country zurück

Dudu Tassa und Jonny Greenwood entzünden ein klingendes Friedenslicht in einer Zeit der Spaltung
12. Februar 2024, von Felix Reich

Dudu Tassa und Jonny Greenwood entzünden ein klingendes Friedenslicht in einer Zeit der Spaltung

Der britische Musiker Stormzy verbindet Kommerz mit Spiritualität und Rebellion mit Gottesdienst
20. Januar 2024, von Felix Reich

Der britische Musiker Stormzy verbindet Kommerz mit Spiritualität und Rebellion mit Gottesdienst

Sinéad O'Connor war auf einer radikalen Suche nach spirituellem Halt und hinterlässt grosse Kunst
15. August 2023, von Felix Reich

Sinéad O'Connor war auf einer radikalen Suche nach spirituellem Halt und hinterlässt grosse Kunst

Gaye Su Akyol singt Lieder über die Liebe und die Freiheit und lehrt die Despoten das Fürchten
27. April 2023, von Felix Reich

Gaye Su Akyol singt Lieder über die Liebe und die Freiheit und lehrt die Despoten das Fürchten

Musikalisch ist der Mensch ein Gewohnheitstier
03. April 2023, von Marius Schären

Musikalisch ist der Mensch ein Gewohnheitstier

Die Freiheitsbewegung in Iran wird von vielen mutigen Musikerinnen und Musikern unterstützt
29. März 2023, von Felix Reich

Die Freiheitsbewegung in Iran wird von vielen mutigen Musikerinnen und Musikern unterstützt

Auf ihrem neuen Album vereint Nina Hagen unterschiedlichste Stile und klingt erstaunlich aktuell
07. Januar 2023, von Felix Reich

Auf ihrem neuen Album vereint Nina Hagen unterschiedlichste Stile und klingt erstaunlich aktuell

Ein Musikprojekt fragt, was Bach mit seinen frommen Kantaten heute noch zu sagen hat
27. September 2022, von Felix Reich

Ein Musikprojekt fragt, was Bach mit seinen frommen Kantaten heute noch zu sagen hat

Bob Dylan macht einfach immer weiter und legt sein nächstes Meisterwerk vor
29. Juli 2020, von Felix Reich

Bob Dylan macht einfach immer weiter und legt sein nächstes Meisterwerk vor

Der Soundtrack zum Frühjahrsputz im Zimmer des Glaubens
29. Mai 2020, von Felix Reich

Der Soundtrack zum Frühjahrsputz im Zimmer des Glaubens

Die Sehnsucht, gesehen zu werden
13. September 2019, von Felix Reich

Die Sehnsucht, gesehen zu werden

Ausser Gottes Kontrolle
24. Juli 2019, von Felix Reich

Ausser Gottes Kontrolle

Protestant und Popstar
10. Januar 2019, von Felix Reich

Protestant und Popstar

Vom Priestertum aller Rapper
16. November 2018, von Noemi Schürmann

Vom Priestertum aller Rapper

Die grossen Mächte in den kleinen Welten
03. September 2018, von Marius Schären

Die grossen Mächte in den kleinen Welten

«Was sagst du, wenn du vor Gott stehst?»
23. Mai 2018, von Felix Reich

«Was sagst du, wenn du vor Gott stehst?»

Der gute Superstar
26. März 2018, von Felix Reich

Der gute Superstar

Die musikalische Erweckung
21. Dezember 2017, von Felix Reich

Die musikalische Erweckung

«Katholisch sy, das fägt»
07. April 2017, von Marius Schären

«Katholisch sy, das fägt»

Kurz nach der Veröffentlichung der letzten Platte stirbt der grosse Sänger und Lyriker Leonard Cohen
24. November 2016, von Felix Reich

Kurz nach der Veröffentlichung der letzten Platte stirbt der grosse Sänger und Lyriker Leonard Cohen