Die anderen Ferien

Literatur

Schulferien können ganz schön anstrengend sein. Sie unterbrechen das Ferienleben der Schriftstellerin und wecken Erinnerungen an einen Bücherkoffer und eine Adresse im Wald.

Als Schriftstellerin unterscheide ich dezidiert zwischen Ferien und den Schulferien unserer Kinder. Ferien habe ich von Berufs wegen immer, mein Alltag sieht nach Freizeit aus: Ich spaziere, sitze in Cafés, besuche Kulturanlässe.

Unerhörte Geschichten

Auf Lesereisen komme ich an malerisch gelegene Kulturstätten und in die Gesellschaft von Leuten, die sich Musse gönnen und Erlebnisse – unerhörte Geschichten und einen Gedankenaustausch, der sie wandelt.

Die Schulferien sind eine Herausforderung: Im Akkord mit anderen Kindern und Eltern wegfahren, Aktivitäten planen, viel Erlebnis für teures Geld, alles, was die Kinder interessiert und die Bilder ihrer Freunde auf Insta und Snapchat übertrumpft.

Der tägliche Kampf

Jeden Tag führen wir, zwei entspannte Künstler, einen erbitterten Kampf gegen die Handys: mit Ausflug, Sportangebot, Spiel und Konversationen, um abends wieder in den Sermon zu verfallen, bei dem die Teenagertochter Maria die Augen verdreht. «Legt bitte das Handy weg, lest ein Buch!»   

Oft denke ich an die Sommerferien zurück, als ich auf Lesereise ging und Maria, damals sechs Jahre alt, mitnahm. Die Reise führte durch Norddeutschland, in einem Koffer hatten wir nur Kinderbücher.

Erzählen im Zug

Auf den Zugreisen las ich der andächtig zuhörenden Maria vor. Kurz vor Rostock fiel ihr der erste Milchzahn aus, sie bekam von der Zahnfee: ein weiteres Buch, ganz neu! 

Ich war in ihrer Welt, tippte erst beim Frühstück die nächste Gastadresse in mein Handy, wir liessen uns überraschen. Ich sehe die kleine Maria zwischen mächtigen Baumreihen gehen, den gelben Bücherkoffer hinter sich her rollend. Auf meinem Handy prüfte ich die Adresse nach: In den Wald 1. 

Die liebe Mama

An jedem Ort erwartete uns die erbetene Kinderbetreuung für die Zeit meiner Veranstaltung. Bei der letzten Station fiel sie aus. So behielt ich Maria bei mir. Sie war irritiert vom grossen Saal und dass ich anderen vorlas. Sie ging zuhinterst im Saal malen, Regentropfen, mit lautem Hämmern.

«Wie gut du es hast», rief ihr die Gastgeberin zu. «Deine liebe Mama schreibt auch Kindergeschichten, und sie liest dir bestimmt ganz viel vor.» Da stand Maria auf und rief zurück in den Saal: «Meine Mama liest mir nie was vor, sie schaut nur auf ihr Handy!»