Sorgfältig geplante Nonchalance

Literatur

Die Schriftstellerin und «reformiert.» Kolumnistin Dana Grigorcea schreibt über die Kunst der angemessenen Kleidung und die Eitelkeit der sorgfältig geplanten Nachlässigkeit.

Ich kleide mich viel zu festlich für eine Schriftstellerin, sagte mir neulich ein Autorenkollege. Eine Schriftstellerin habe sich, wie ein Tech-Stratege nach der Präsentation des neusten Handys, dunkel zu kleiden und schlicht. Als Schöpferin sei ich nicht gleichzeitig Figur, müsse mich also zurücknehmen.

Kunstvolles Verwuscheln

Viele Schriftsteller scheinen sich tatsächlich so zu kleiden, als würden sie keinen Gedanken daran verschwenden, wie sie aussehen. Aber auch der nachlässige Auftritt will sorgfältig geplant sein: ausgebeulte Jeans, Turnschuhe, ein Loch im Pullover.

Unvergesslich ist mir ein Kollege, der vor meinem Cafétisch anhielt und sich im spiegelnden Fenster betrachtete, mager und bärtig wie Dostojewski. Er warf den Schal über die Schulter, fuhr sich mit einem Kamm durch den Vollbart, bis er verwuschelt genug aussah.

Der funkelnde Stern

Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal in den Kreis von Schriftstellern aufgenommen wurde. Es war in den 1990er-Jahren in Rumänien. Ein Freund von mir hatte damals ohne mein Wissen mein Reisetagebuch aus dem Heiligen Land, wo ich ein paar Monate in einem rumänischen Frauenkloster verbracht hatte, an die grösste Literaturzeitschrift des Landes geschickt, die «România literara». Dort wurde mein Text tatsächlich auch abgedruckt, mit der Einführung durch einen Schriftsteller, den ich verehrte. «Ein funkelnder Stern» steige nun auf «am Firmament der rumänischen Literatur», schrieb er.

Mich fragend, ob das nicht Spott war, ging ich mein Honorar abholen. Im dunklen Flur begab ich mich zu jener Tür, hinter der Stimmen und Lachen zu hören waren, ich  klopfte und trat ein.

Das grosse Fest

Da war ich also, eine Schülerin, die eben noch in der kommunistischen Uniform gesteckt hatte, mit blauer Schürze und weissem Haarband – alles andere als extravagant. Vor mir erstreckte sich ein Tisch, darauf ein gebratenes Schwein, und rundum sassen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Schullektüre waren und die ich längst tot wähnte – fit und fidel, herausgeputzt wie zur Neujahrsgala, eine Dichterin mit riesigem Hut.

Der Kritiker Nicolae Manolescu, im Anzug und mit luftiger Krawatte, rief mit vollem Mund: «Komm herein, funkelnder Stern! Greif kräftig zu!» Leider war ich unpassend gekleidet.