Kolumne 19. März 2026, von Dana Grigorcea

Im Land der Kinder

Literatur

Von einem riesigen Bild führt der Weg ins Land der Kinder, in dem die Zeit vergessen geht und die Ahs und Ohs regieren.

Mein Bekannter Kai hat mir eine wunderliche Geschichte erzählt: Er hat alle Sommer seiner Kindheit bei den Grosseltern verbracht, kannte jede Gasse, jedes Fahrrad und jede Bäckerei im Ort, und auch im Haus seiner Grosseltern stand alles wohlgeordnet an seinem Platz. Aus seinem Bett schaute er immer auf ein grosses Ölgemälde mit Maria, Josef und dem Jesuskind. Beim Schlafengehen schaute er hinauf, und wenn sich seine Augen öffneten, dann wieder auf das Bild. 

Eine andere Geschichte

Als seine Grosseltern starben, wünschte er sich von ihrem ganzen Besitz nur dieses eine grosse Ölgemälde. Und als es ihm ausgehändigt wurde, sah er mit Schrecken, dass es nur ein ganz kleines Bild war. Später ist Kai Chefredakteur der deutschen «Bild»-Zeitung geworden, aber das ist vielleicht eine andere Geschichte. 

Die Kindheit ist ein eigenes Land, merke ich jedes Jahr, wenn ich Schullesungen mit meinen Kinderbüchern mache. So unterschiedlich die Klassen auch sein mögen, je nach Schule, Quartier, so ähnlich sind sich die Kinder in ihrer Beherztheit. Ich bin sofort willkommen, darf loslegen mit Erzählen, grosse Augen sind auf die Bilder in den Büchern gerichtet. Ich stelle zunächst drei, vier meiner Kinderbücher vor und lasse abstimmen, welches Buch sie am meisten interessiert. Das Resultat ist meistens knapp. Es gibt auch Proteste, Umentscheidungen, dann wird die Abstimmung wiederholt.

Alpträume in Unterhosen

Meistens lese ich aus dem Buch mit den verrückten Frisuren oder die Geschichte von Prinz Jakob, der kochen lernen muss, immer öfter aber auch die von Storch Marius und seiner gefährlichen Reise nach Afrika. 

Während der Geschichte gibt es Ahs und Ohs, die Kinder strecken auf, wollen sagen, dass sie Ähnliches erlebt haben: Auch sie haben Alpträume, wie Bobby in Unterhosen und mit der missglückten Frisur. Jemand hat eine Mutter, die für eine Schokoladenfabrik oft nach Afrika fliegt. Aber ob ich je einem kleinen Vogel in die Augen geschaut hätte, ganz lange?

Das Publikum tobt

Ich stehe vor der Klasse, begeistert und voller Adrenalin. Am letzten Tag meines Aufenthalts im Kinderland tobt das Publikum und ruft: Noch ein Buch! Ich schaue zu den Lehrerinnen, ob auch sie eine Zugabe wünschen, und sie sagen ja, unbedingt und schauen auf die Uhr.