Denke ich an Romane zurück, erinnere ich mich zuerst an die Lichtverhältnisse: Winterhelle in Thomas Manns «Zauberberg», bedeckte Vormittage bei Peter Bi-chsel, Wolkenschatten in Peter Webers «Wettermacher», Sonnenlicht auf alten Fassaden in Zora del Buonos «Marschallin». Sogar bei meinen eigenen Büchern erinnere ich mich vor allem an die Lichtverhältnisse. Im Roman mit Vampiren sehe ich die Schatten der Bäume um alle Ecken des Hauses biegen, beim Roman über die Kunst sehe ich den polierten Leib des Bronzevogels und darauf gespiegelt – als hell aufleuchtender Streifen – seinen Schöpfer.
Leuchtende Blechdächer
Auch den soeben erschienenen Roman, meine Romeo-und-Julia-Geschichte aus den rumänischen Karpaten, vergegenwärtige ich mir durch das Licht: ein kräftiges Sommerlicht, die Blechdächer leuchten wie Spiegel, das Kind prüft die Schatten unter seinen Schritten. Abends kühlen die Dächer ab, die Hofhunde springen auf die Häuser, um die heimkehrenden Kühe anzubellen. Wenn die Nacht fällt, wird es auf einen Schlag so finster, dass einem beim Herumtappen schwindlig wird. Nur die Sterne leuchten am Himmel, zersprengt.
Das Mädchen setzt sich mit Grossmutter und Grosstante auf die Bank vor dem Häuschen und hört ein Konzert im Radio. Ohne die Musik hätte es gar nicht so lange in den Sternenhimmel schauen können, aber so ist alles wundersam und begreiflich zugleich: Bei Klavierstücken sieht sie die Sterne heller blinken und bei Streichquartetten mehr Sternschnuppen.
Der Sturz in den Schacht
Ich bin nicht so wetterfühlig wie lichtfühlig, bin froh, dass alles wieder seinen tanzenden Schatten hat. In einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen laufe ich über den asphaltierten Hof einer Feriensiedlung irgendwo bei Bukarest. Helle Vierecke schiessen an mir vorbei, während immer mehr lichtspiegelnde Fenster über mir aufgehen, darin die Mütter zum Essen rufen.
Ich laufe den hellen Streifen hinterher, halte an und prüfe die Schatten unter den Füssen. Unverhofft schwebe ich über einer schwarzen Kühle, dann sehe ich nur noch glänzende Stäbe und Ketten, falle in den Kanalschacht. Dort höre ich Kettengerassel. Oder klappern meine Zähne? Ich schaue hinauf, zum runden Licht, darin gleich ein Schatten: meine Mutter!
