Kolumne 02. April 2026, von Dana Grigorcea

Die Leserinnen winken fröhlich zurück

Literatur

Manchmal ist das Erzählen schöner als Erleben. Davon kann die Schriftstellerin Dana Grigorcea in der neusten Folge ihrer Kolumne «Heimat ist überall» ein Lied singen.

Bald bin ich wieder auf Lesereise, denn ich habe einen neuen Roman. Ich mag Lesereisen, fürchte sie aber auch: Ich bin ein bequemer Mensch und scheue die Abenteuer, obwohl ich danach umso  begeisterter darüber berichte. Zum Beispiel fuhr ich einmal nach Bratislava für eine Schiffslesung auf der Donau. Ob ich die Nacht zuvor in Bratislava in einem Hotel übernachten wolle oder auf dem romantischen Literaturschiff, fragte man mich. Auf dem schönen Schiff, natürlich!

Es knarrt und knarzt

Als ich in Bratislava ankam, roch die Abendluft nach Krokussen, und alle hasteten in den Feierabend. Ein Schiffsjunge liess mich aufs Holzschiffchen, händigte mir den Zimmerschlüssel aus und zog wieder ab. So blieb ich allein an Bord. 

Meine Kajüte war so winzig, dass ich im Bett die Beine anwinkeln musste. In der Nacht blies ein wilder Wind, und das Schiff schaukelte, dass mir übel wurde. Es knarrte, knarzte und wurde immer kälter. Zuletzt hatte ich alle meine Kleider übereinander angezogen und konnte mich als Michelin-Männchen nur noch mit Mühe im Bett krümmen. Als ich dann endlich einnickte, fiel ich aus dem  Bett und holte mir eine Stirnbeule.

Der Text im Kopf

Im Morgengrauen ging ich von Deck, die Stadt zu erkunden und irgendwo noch ein tröstliches Frühstück zu bekommen. Die Stadt war menschenleer, und ich irrte umher, formulierte im Kopf den Videotext, mit dem ich beim Bachmannwettbewerb antreten wollte. Der lautete so: «Ich bin eine leidenschaftliche Spaziergängerin. Ich gehe gern zu Fuss, im Eilschritt, man könnte sagen, ich sei gern unterwegs. Spazierend komme ich oft an Orte, die menschenleer sind – und dann kommt mir das Spazierengehen wie etwas Schändliches vor. Man hat die Tür zum verbotenen Zimmer aufgestossen! Und da steht man. Aber sobald sich diese Orte wieder mit Menschen füllen, sobald diese Orte, die ich mit meinen Gedanken bespielt habe, wieder belebt sind, fühle ich mich wie eine Art Gastgeberin.»

Nach dem Frühstück ging ich wohlgemut wieder zum Schiff, das aber soeben von Anker gegangen war. Ich rief den Menschen an Deck zu, meinen Leserinnen und Lesern, die mir, der immer kleiner werdenden Figur am Ufer, fröhlich zurückwinkten.