Gepfefferte Theaterstücke im Dienst des neues Glaubens

Reformation

Vor 500 Jahren trat Niklaus Manuel die Berner Reformation los. Zwei Schauspiele des Malers, Dichters und Laienreformators liessen die schon länger glimmende Glut hell auflodern.

Sein Leben böte Stoff für einen spannenden Historienfilm. Szene 1: der Künstler am Werk, um Inspiration ringend an der Leinwand, auf der sich in Umrissen bereits das bekannte Bild «Das Urteil des Paris» abzeichnet.

Szene 2: Der Protagonist als Teilnehmer an einem wüsten Gelage in einem eidgenössischen Heerlager während der Italienischen Kriege. Szene 3: Der Kriegsmann hat einen verstörenden Traum, der ihm psychisch arg zusetzt.

Szene 4: Zurück in seiner Heimatstadt Bern, beginnt der Künstler, auch als Schriftsteller und Theaterdichter aktiv zu werden. Szene 5: Der Künstler wird Staatsmann und kümmert sich als Landvogt von Erlach engagiert um die Bedürfnisse der Bauern.

Szene 6: Der 44-Jährige erlebt im Januar 1528 die Berner Disputation. Im Zuge dieses Religionsgesprächs darf er zwei Jahre vor seinem Tod die Früchte seiner reformatorischen Bemühungen ernten: Bern tritt zum neuen Glauben über und wird somit zum einflussreichen evangelisch-reformierten Stadtstaat.

Er nahm kein Blatt vor den Mund

Diesen Film gibt es (noch) nicht. Beim Mann hingegen, von dem hier die Rede ist, handelt es sich um eine historische Persönlichkeit: 500 Jahre ist es her, seit Niklaus Manuel als Verfechter eines erneuerten Glaubens und als Gegner der römischen Papstkirche an die Öffentlichkeit trat. Im Jahr 1523 wurden nämlich zwei Fasnachtsspiele aus seiner Feder aufgeführt, «Vom Papst und seiner Priesterschaft» und «Von Papsts und Christi Gegensatz». Diese beiden polemischen Schauspiele heizten die ohnedies antiklerikale Stimmung, die weite Teile der europäischen Christenheit erfasst hatte, zusätzlich auf und schufen ein Klima, in dem sich das reformatorische Gedankengut der Berner Geistlichkeit um den Prediger Berchtold Haller entfalten konnte.

Niklaus Manuel deckte die Habsucht, die Machtgier und die Lasterhaftigkeit der Geistlichen auf.
Jean-Paul Tardent

In den beiden Theaterstücken zeigte der Verfasser ungeschminkt «die Methoden und Mätzchen, mit denen die Geistlichen die Laien in Unwissenheit hielten. Er deckte ihre Habsucht, ihre Machtgier und ihre Lasterhaftigkeit auf», schreibt der Manuel-Forscher und Historiker Jean-Paul Tardent im 1980 erschienenen Jubiläumsband «450 Jahre Berner Reformation». Manuels deftige Lästereien gegen die immer noch mächtige Geistlichkeit waren Angriffe, wie sie nur unter der Redefreiheit der närrischen Tage möglich waren.

Bewährungsprobe in Erlach

Noch wollte man im offiziellen Bern von solchem Gedankengut wenig wissen, deshalb wurde Niklaus Manuel im selben Jahr zum Landvogt von Erlach ernannt und ins Seeland «wegbefördert». Hier kümmerte er sich laut Tardent vorbildlich und in wahrhaft christlichem Sinn um die sozialen Nöte der Landbevölkerung. Ab 1526 kam seine politische Karriere auch in der Hauptstadt wieder in Schwung; er wurde Tagsatzungsdelegierter und Mitglieds des Kleinen Rats.

Niklaus Manuel war ein ehrgeiziger Selfmademan. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend und illegitim von Geburt, schuf er sich eine zuerst eher wacklige Existenz als Künstler, gab seinem Werdegang Schub, indem er in den prestigeträchtigen Solddienst trat, und stieg in Bern schliesslich in hohe Ämter auf.

Dass er sich schliesslich aus dem Kriegsdienst verabschiedete und begann, als Laienreformator für die evangelische Sache einzutreten, geht auf die Schlacht bei Novara zurück. Unter dem Eindruck der Kriegsgräuel hatte er eine nächtliche Vision, die ihm verdeutlichte, dass der Krieg ein Werk des Teufels sei und die Papstkirche als Verführerin zum Krieg auftrete. Frieden und Vergebung könne es nur in Hinwendung an das unverfälschte Evangelium geben.

Diese Gedanken schrieb der erschütterte Kriegsmann 1522 in seinem Gedicht «Der Traum» nieder. Der Text, von dem manche Fachleute nicht ganz sicher sind, ob er wirklich von Niklaus Manuel stammt, markiert die Wende von der altgläubigen Kriegsgurgel zum neugläubigen Freund des Friedens und Verteidiger des Evangeliums.

Lebenswerk von Tragweite

Niklaus Manuels Engagement für die Berner Reformation ist jener Teil seines Lebenswerks, der kaum überschätzt werden kann, denn die Berner Reformation war nicht nur von regionaler, sondern letztlich sogar von weltpolitischer Bedeutung: Als sich Genf Ende 1535 der Reformation zuwandte, trat das mächtige und zu diesem Zeitpunkt bereits reformierte Bern als Schutzmacht auf. Dies ebnete den Weg für den Genfer Reformator Johannes Calvin, dessen Version der Reformation schliesslich zu einem weltweiten Exportschlager wurde.