ADHS wirft die Frage auf, wie viel Vielfalt möglich ist

Psychologie

ADHS-Diagnosen haben zugenommen, auch die Fälle, die mit Medikamenten behandelt werden. Überdiagnostik mit problematischem Therapieansatz? Zwei Fachleute ordnen ein.

ADHS: Diese Buchstaben stehen für die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Betroffene können sich schwer fokussieren und organisieren, bis hin zur Überforderung. Zugleich sind sie häufig sehr einfühlsam, fantasievoll und kreativ. Auch die Pfarrerin, die im Text unten eigene Erfahrungen schildert, hat die Diagnose. 

Die Frau, die nur anonym erzählen möchte, ist bei Weitem kein Einzelfall: Die Zahl der Diagnosen ist stark angestiegen. Auch wird ADHS fast doppelt so oft medikamentös behandelt wie noch vor vier Jahren. Speziell bei Buben schnellen die Diagnosen in die Höhe. Bei den Mädchen erfolgt seltener eine Diagnose, weil sie oft eine unauffälligere Form der ADHS haben. 

Impulsiv und kreativ

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Entwicklungsstörung, die in der Kindheit auftritt und bis ins Erwachsenenalter andauert. Die Kernsymptome sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Was ADHS verursacht, ist nicht ganz geklärt. Sie erzeugt bei den Betroffenen mitunter grossen Leidensdruck, hat aber auch positive Seiten. Etwa ausgeprägte Empathie, Humor und Spontaneität. Viele Betroffene zeichnen sich auch durch grosse Kreativität aus. Wie die österreichische Illustratorin und ADHS-Betroffene Laura Edelbacher, die das Bild zu diesem Artikel geschaffen hat.

Pascal Rudin ist Soziologe und Mitglied der ADHS-Expertengruppe des Bundesamts für Gesundheit. Er erklärt: ADHS sei biologisch nicht eindeutig nachweisbar und keine klar umrissene Krankheit. Die Definition dessen, was ADHS ist, sei kulturell geprägt. Ein zentraler Grund für den Anstieg liege in einem heute weiter gefassten Diagnosemodell. Mit dem Wechsel zu diesem sei die Schwelle für eine Diagnose in der Schweiz gesunken.

Während vor 25 Jahren rund ein Prozent der Buben betroffen waren, erhalten heute zwischen 11 und 20 Prozent eine ADHS-Diagnose. Inzwischen spricht selbst die Ärzteschaft beim Bundesamt für Gesundheit von einer Überdiagnostik. 

Der Leistungsdruck steigt 

Im internationalen Vergleich weist die Schweiz eine relativ hohe Diagnoserate auf, ähnlich wie Deutschland, jedoch unter den Werten der USA oder Israels. Doch das Diagnosemodell erklärt nicht alles: Auch äussere Faktoren spielen eine Rolle. Kinder wachsen heute mit vielen Reizen auf, TikTok und Games sind allgegenwärtig. Die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Zugleich steigt der Leistungsdruck in der Schule. Früh sollen Kinder selbstständig arbeiten, planen und organisieren: Anforderungen, die besonders jene mit Aufmerksamkeitsproblemen an ihre Grenzen bringen.

Unaufmerksame oder impulsive Kinder gab es schon immer. Früher wurden sie jedoch häufig als ungezogen oder faul abgestempelt.
Stephanie Rietzler, Psychologin und ADHS-Expertin

Die Psychologin Stefanie Rietzler ist auf ADHS bei Kindern spezilisiert. Sie bestätigt zwar eine gewisse Überdiagnostik, nimmt aber auch eine gestiegene Sensibilität für das Thema wahr. Unaufmerksame oder impulsive Kinder habe es schon immer gegeben, sagt sie. Früher seien sie jedoch häufig als ungezogen oder faul abgestempelt worden. Eine Diagnose könne helfen, Schwierigkeiten besser zu verstehen und gezielt zu unterstützen. Für viele Betroffene wirke sie entlastend, weil sie das eigene Verhalten besser einordnen könnten.

Hier mahnt Rudin zur Vorsicht: Zur Identität werden dürfe die Diagnose nicht. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei diese stets vorläufig und müsse sorgfältig geprüft werden. Darin sind sich beide Fachleute einig: ADHS erfordert eine gründliche Abklärung und eine differenzierte Behandlung.

Medikamente sind nur ein Baustein der Therapie

Diese besteht aus mehreren Bausteinen. Zentral sind die Aufklärung der Familie, Anpassungen im Schulalltag, Verhaltenstherapie und Achtsamkeitstraining. In ausgeprägten Fällen kommen auch Medikamente zum Einsatz. Problematisch sei es jedoch, ein Medikament wie Ritalin testweise zu verabreichen, um eine Verdachtsdiagnose zu bestätigen. Rudin: «Gut ausgebildete Fachpersonen schöpfen andere Möglichkeiten aus, bevor sie zu Medikamenten greifen.»

Kinder sollen nicht auf Erwartungen reduziert werden.
Pascal Rudin, Soziologe

Viel bewirken lässt sich auch ohne Tabletten. Lehrpersonen können den Fokus mehr auf Stärken legen, statt Defizite zu betonen. Denn Kinder mit ADHS reagieren besonders sensibel auf ständige Kritik. 

Eine ethische Frage 

Für Rudin führt die Debatte über ADHS über das einzelne Kind hinaus. Schule sei «extrem normie rend und disziplinierend». Ob eine Gesellschaft das so wolle, sei letztlich eine ethische Frage. Als Christ verweist Rudin zudem auf eine theologische Perspektive, die den Menschen nicht an seiner Optimierbarkeit messe. Unvollkommenheit sei kein Makel. 

Am Ende geht es damit um mehr als die Frage nach Diagnosen, Behandlungen und Medikamenten. Es geht darum, wie viel Vielfalt eine Gesellschaft aushält. Oder in den Worten von Soziologe Rudin: Hilfe beginne dort, wo Kinder, statt auf Erwartungen reduziert zu werden, als Teil einer Gemeinschaft wachsen dürfen.

Wie Kinder mit ADHS erfolgreich lernen

Wie Kinder mit ADHS erfolgreich lernen

Die Psychologin Stefanie Rietzler ist Mitautorin verschiedener Bücher zum Thema ADHS bei Kindern. Der Ratgeber “Erfolgreich lernen mit ADHS und ADS" richtet sich an Eltern von AD(H)S-betroffenen Kindern aller drei Erscheinungsbilder (vorwiegend unaufmerksam / ADS, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv sowie kombiniert). er bietet konkrete, praktische Hilfestellungen, etwa um die Konzentration und Ausdauer des Kindes zu steigern oder Chaos und Vergesslichkeit in den Griff zu bekommen. Das Buch erschien 2023 (2., überarb. Aufl.) im Hogrefe Verlag. Weitere Informationen und Bücher finden Sie auf der Website von Stefanie Rietzler.