Menschen retten, gehört zu ihrem Alltag

Bergrettung

Nigg Conrad und Hündin Shila sind Teil der Rettungskolonne des Schweizer Alpenclubs. Im Winter sind sie jederzeit einsatzbereit.

Auf 1500 Metern über Meer in Davos Glaris bricht der Frühling an. Neben der künstlich beschneiten Talabfahrt grünen bereits die Wiesen. Für Nigg Conrad und Schäferhündin Shila ist der Winter aber noch nicht zu Ende. Erst im Mai endet die Skitourensaison. Bis dann sind sie 24 Stunden an sieben Tage die Woche einsatzbereit. Seit 7 Uhr steht Conrad auf den Ski, kontrolliert Pisten, richtet Zäune, prüft Absperrungen im Skigebiet Rinerhorn. Shila schläft derweil auf einer Decke im Büro der Rettungsmannschaft. Wegen eines Muskelrisses muss sie sich schonen. Es ist jetzt 8.30 Uhr. «Diese Ruhe», sagt Conrad und blickt in die Weite. Die Pisten sind menschenleer. So mag er es am liebsten.

Ein Leben für die Rettung

Der Pisten- und Rettungschef ist verantwortlich für die Sicherheit auf den Schneesportabfahrten und kennt den Betrieb so gut wie kaum jemand. Keiner hier hat so viele Rettungsaktionen mit einem Hund erlebt wie er. Schon mehr als 30 Jahre arbeitet Conrad als Retter mit Lawinenhunden. 27 davon ehrenamtlich für die Rettungskolonne des SAC Davos und Bergün. Bevor er mit dem Bügellift zum Leidbachtobel aufbricht, darf Shila fürs Fotoshooting kurz raus. Die Arbeit mit dem Hund ist Conrads Leidenschaft: ihn auszubilden und zu beobachten, wie er die Herausforderungen meistert, wie Tier und Mensch interagieren. 

Eine Geste reicht schon

Diese Begeisterung, verbunden mit dem Wunsch, Menschen zu helfen, führten ihn dazu, Lawinenhundeführerkurse zu leiten. Die Kurse der Alpinen Rettung Schweiz hat er massgeblich mitgeprägt. Nigg Conrad braucht kaum Worte, eine kleine Armbewegung genügt, und Shila weiss, was sie tun soll: Platz machen, zur Ruhe kommen, wachsam sein. Dass der Hund seine Pflicht sofort erkennt, ist essenziell bei der Lawinenrettung. «Auf der Lawine braucht es keine Befehle, denn Shila sucht fürs Leben gern.» Was ihn immer wieder fasziniert: Während er als Einsatzleiter die Suchmannschaft einteilt, das Suchfeld absteckt und Verstärkung anfordert, sucht der Hund bereits, bis er eine Spur findet.

Treuer Begleiter

Shila ist Nigg Conrads vierter Lawinenhund, mit dem er im Einsatz steht. «Sie macht alles für mich», sagt der Davoser und krault das Tier am Hals. Ausgesprochener Arbeitswille, keine Scheu vor fremden Menschen, Entschlossenheit beim Suchen seien die Eigenschaften, die ein Rettungshund brauche. «Das kann fast jeder Vierbeiner.»

Weniger Einsätze als früher

«Auf den Hund gekommen bin ich durch meine Frau», erzählt der gelernte Maschinist und Lastwagenchauffeur während der Fahrt auf dem Bügellift. Die Bernerin, die er auf dem Rinerhorn kennenlernte, arbeitete damals mit Schutzhunden. Früher waren rund acht Rettungseinsätze in einem Winter der Durchschnitt. Heute sind es noch zwei oder drei. Die Leute seien besser informiert und ausgerüstet. «Aber gerade darum begeben sie sich leichtsinniger in Gefahr», sagt Conrad. Am Ende der Liftfahrt bügelt er ab und fährt Richtung Leidbachtobel. Dort muss er noch kontrolllieren, ob die Absperrung in Ordnung ist.

Gemeinschaft zählt

Rettungen seien immer Teamarbeit, sagt er, als er am Rand des Leidbachtobels anhält. Da unten hat er unzählige Einsätze geleistet, Lebende und Tote geborgen. Auch nach Jahren stossen die Retter bei Einsätzen an ihre Grenzen. Dann helfe die Gemeinschaft, sagt Conrad. «Allein kommst du damit nicht zurecht.» Entlastend sei auch, wenn die Todesursache noch vor Ort festgestellt werden könne. Es beruhige die Angehörigen und beschleunige weitere Untersuchungen.

Einen Augenblick lang herrscht vollkommene Ruhe. «Daraus schöpfe ich immer wieder Kraft», sagt er, den Blick auf die atemberaubenden Berge gerichtet. «Weisst du, was ich meine?»