Gesellschaft 04. März 2026, von Isabelle Berger aufgezeichnet

«Die Diagnose hat viele Muster erklärt»

Betroffene

ADHS haben auch Erwachsene. Eine Pfarrerin erzählt von ihrer späten Diagnose und davon, wie ihr der Glaube im Alltag hilft.

«Das Pfarramt eignet sich sehr für eine ADHS-Betroffene wie mich. Die abwechslungsreiche Arbeit mit Menschen ist anregend. Auch das Schreiben und die Auseinandersetzung mit Texten erfüllen mich. So entsteht kein gleichförmiger Trott, und ich bin stets intellektuell und menschlich gefordert. Das kommt mir entgegen, so, wie die ADHS bei mir ausgeprägt ist. 

Jedoch erfordert das Pfarramt auch viel Selbstorganisation, Motivation und administrativen Aufwand. All das bereitet mir oft Mühe. Das Gefühl, in diesen Belangen hinterherzuhinken oder Wichtiges zu vergessen, belastete mich an meiner früheren Arbeitsstelle. Mir fehlte es an stützender Struktur, etwa durch ein Sekretariat. Unter anderem deshalb wechselte ich in eine grössere Kirchgemeinde

Zur Person

Die Pfarrerin (48) will anonym bleiben. Da sie im öffentlichen Dienst steht und sich in Therapie befindet, möchte sie mit ihrer Diagnose diskret umgehen. Sie arbeitet in einer mittelgrossen Berner Kirchgemeinde.

Dass ich ADHS habe, dachte ich schon lange, liess es aber erst vor einem Jahr abklären. Ich konnte mich bis dahin immer wieder durchwursteln. Doch mit zunehmendem Alter und gesundheitlichen Belastungen ist der Leidensdruck gewachsen. 

Auf den letzten Drücker 

Denn durch die ADHS leide ich – wie ich jetzt weiss – unter anderem unter Gedankengrübeln, Mühe beim Setzen von Prioritäten und der Tendenz, alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Alle diese Faktoren erzeugen grossen Stress, der wiederum zu physischen und psychischen Zusammenbrüchen führt. Das ertrug ich immer schlechter. 

Dank Medikamenten und Therapie bin ich nun motivierter, schiebe Aufgaben weniger auf, habe mehr Durchblick und teile meine Energie besser ein. Dadurch haben die Zusammenbrüche stark nachgelassen. 

Wäre ich bereits als Kind diagnostiziert worden, hätte ich meine Bedürfnisse besser kommunizieren und Selbstmanagement früher lernen können. Ich hätte mich auch weniger allein gefühlt. Und statt vor allem meine Mängel zu sehen, hätte ich das ausgeprägt Positive an mir betont: etwa Spontaneität, Fantasie, Extrovertiertheit und Empathie. Alles typisch für ADHS.

Dank Medikamenten und einer Therapie sind meine Zusammenbrüche stark zurückgegangen.
Pfarrerin, ADHS-Betroffene

Heute ist Andersartigkeit bereits gut akzeptiert, und es gibt einen Austausch unter Betroffenen und in der Gesellschaft. Das ist befreiend. Ich wünsche mir, dass die Akzeptanz weiterwächst und es in der Arbeitswelt mehr Platz für Menschen mit Neurodivergenzen gibt. Auch die Kirche soll weiterhin bekräftigen, dass sie allen Platz bietet. 

Theologisch gesehen sind wir alle einzigartig und Kinder Gottes. Auch erkenne ich bei mir charismatische Eigenschaften: die Begeisterungsfähigkeit, die Gabe, ohne viel Vorbereitung vor Leuten sprechen zu können, und auch, mich in viele Situationen hineinzudenken, Zugewandtheit, Unvoreingenommenheit, meine vielfältigen Interessen. 

Gottes Liebe trägt in Krisen 

Mein Glaube hilft mir auch, indem er mich lehrt, mich selber gernzuhaben und liebevoll mit mir umzu gehen. So erlebe ich mich weniger defizitär. Zu wissen, dass Gott immer da ist und mich so liebt, wie ich bin, trägt mich in Krisen.»