Benutzt Trump das als Machtinstrument, oder fühlt er sich tatsächlich als Messias?
Als Messias erst jetzt. Es ist ein Prozess erkennbar, in dem Trump biblische Fremdzuschreibungen allmählich zu seiner eigenen macht. 2016 wusste er kaum, wie ihm geschah. Im Wahlkampf 2020 intensivierte sich die biblische Deutung. Paula White, seine religiöse Beraterin und Pastorin einer pfingstlichen Megakirche in Florida, prophezeite im November, noch vor dem eigentlichen Urnengang Anfang Dezember 2020: «Victory, victory, victory.» Sie bezog sich damit auf Eingebungen des Heiligen Geistes, die den Wahlsieg Trumps vorzeitig besiegelt hätten. Was als göttliche Vision galt, musste sich bewahrheiten. Daher die spätere Weigerung im Trump-Lager, die Wahlniederlage gegen Joe Biden anzuerkennen. Im Umfeld des Sturms aufs Kapitol am 6. Januar 2021 wurde Trump von Predigern neu gedeutet: nicht mehr als gesalbter Kyros, sondern als unschuldig Leidender, als Hiob. Dieses Hiob-Motiv hat seine nächste Kampagne stark beflügelt.
Und heute?
Erst im jüngsten Wahlkampf greift Trump auf eine biblisch inspirierte Selbstdeutung zu. Es geht nun nicht mehr um eine Fremdzuschreibung von Aussen. Trump greift ins oberste Register und schreibt sich selbst eine messianische Rolle zu. Entscheidend war wohl eine Art Bekehrungserlebnis: das Attentat in Pennsylvania, bei dem ihn eine Kugel am Ohr streifte. In seiner Antrittsrede am 20. Januar 2025 sagte er, Gott habe ihn gerettet, um Amerika wieder gross zu machen. In zehn Jahren sehen wir also eine Steigerung von Fremd- zu Selbstzuschreibung. Sichtbar wurde das auch in einem berühmt gewordenen KI-generierten Bild, das Trump auf seinen sozialen Medien als messiasähnliche Figur zeigte. Dagegen gab es heftigen Protest aus dem eigenen Lager, selbst erzkonservative Politikerinnen distanzierten sich. Trump musste das Bild entfernen. Das MAGA-Lager kriselt, und er weiss, dass er vorsichtiger formulieren muss.
Warum hält das Lager trotzdem zu ihm?
Weil er dessen Agenda bedient: gegen Abtreibung, Homosexualität und Migration, für den Vorrang eines weissen Christentums, für Kreationismus statt Evolutionslehre in den Schulen. Es ist eine doppelte Instrumentalisierung. Trump spielt mit diesem Lager, aber er muss liefern, um dessen enorme Unterstützung zu behalten.
Neben den Evangelikalen gibt es die Katholiken. Mit Papst Leo XIV. hat sich Trump angelegt. Wie stehen sie zu ihm?
Auch die katholische Kirche der USA ist gespalten. Es gibt ein erzkonservatives und ein liberales Lager, zu dem sicher der Papst gehört. Die Zustimmung zu Trump ist bei Katholiken weit geringer als bei Evangelikalen, wo man von rund 80 Prozent ausgeht. Aber Vizepräsident JD Vance kommt aus diesem Lager. Er ist zum Katholizismus konvertiert und hat ein Buch mit dem Titel «Communion» veröffentlicht, das bei uns bisher kaum wahrgenommen wurde. Anders als Trump denkt er theologisch, sehr strategisch und verfolgt eine christlich-nationalistische Agenda. Die Tech-Elite um Peter Thiel sieht in ihm ihren eigentlichen Auserwählten.
In Europa prägen etwa der liebende Jesus, der barmherzige Samariter oder Franziskus das christliche Bild. In den USA stört sich niemand daran, dass die Wortführer Multimillionäre sind. Ist dies aufgrund des Wohlstandsevangeliums, das verspricht, wer an Jesus glaubt, wird reich.
Das amerikanische Christentum ist nicht einheitlich. Das Wohlstandsevangelium würde ich aber von der Herrschaftstheologie trennen. Es stammt aus der Pfingstbewegung, die sich seit den 1960er-Jahren der Welt und dem materiellen Wohlstand zugewandt hat, bezieht sich stärker auf individuelle Belange und ist keine politische Theologie. Trumps pfingstliche Klientel, Paula White oder die Fernsehprediger, hängen ihm an. Doch gerade manche Stimmen der Südstaaten-Baptisten, die Trump politisch unterstützen, kritisieren das Wohlstandsevangelium scharf als unbiblisch. Um Trumps politische Basis zu verstehen, braucht es diesen Begriff nicht.
Ist die Herrschaftstheologie vergleichbar mit dem «Marsch durch die Institutionen» der 68er?
Mit einem entscheidenden Unterschied: Die 68er wollten basisdemokratisch von unten nach oben, hier geht es von oben nach unten. Man sucht Leute an der Spitze jeder sogenannten «Sphäre», deshalb Berge. Ein aristokratisches Modell, das auch Alltags- und Medienkultur erfasst. Es knüpft an ein theokratisches Modell aus dem erzkonservativen calvinistischen Lager der 1970er-Jahre an, vor allem an Rousas John Rushdoony und sein Werk «The Institutes of Biblical Law». Dieses Denken hatte unter Ronald Reagan Anhänger, scheiterte aber. Die Herrschaftstheologie übernimmt davon die Grundidee, dass Evangelikale gesellschaftspolitisch relevant werden können – jedoch ohne Theokratie.
Ehrlich gesagt ist das eine Schweizer Erfindung. Calvin und Zwingli wollten auch, dass das Christentum die ganze Gesellschaft durchdringt.
Genau, das ist calvinistische Tradition. In Südafrika mündete sie in die Apartheid. Auch Pete Hegseth, der US-Verteidigungsminister, gehört zu einem Verbund von rund 150 erzkonservativen reformierten Gemeinden. Daher auch der Angriff auf die liberalen Universitäten, die finanziell ausgetrocknet werden. Das ist ein Angriff auf die akademische Freiheit, der in der Schweiz oder in Deutschland undenkbar wäre.
Gleichzeitig wird Amerika immer säkularer.
Der Trend ist da, auch wenn religiöse Sprache im Alltag präsent bleibt. Jared Huffman, ein demokratischer Politiker aus Kalifornien mit mormonischer Vergangenheit, hat im August das Buch «No Prophets: The Fights to Save Democracy from Christian Nationalism» veröffentlicht. Der bekennende Humanist warnt, der christliche Nationalismus könne die Verfassung zerstören, und fordert die konsequente Trennung von Kirche und Staat.
Wie empfänglich ist Europa für diese Entwicklung? Fällt hier der christliche Nationalismus auf fruchtbaren Boden?
Die europäischen Kirchen sind theologisch zu kritisch und verstehen sich zu sehr als prophetisches Gegenüber des Staates, um Parteigänger zu werden. Stellen Sie sich vor, hier hielte jemand ernsthaft politische Predigten über Armageddon und zwar als schematische Vorlage für real eintretende politische Ereignisfolgen – die Leute würden wahrscheinlich sagen: Da spinnt jemand. Selbst Schweizer Pfingstkirchen sind längst nicht so konservativ wie viele in den USA.
Wie geht es mit den Evangelikalen in den USA weiter?
Ich bin kein USA-Spezialist und schon gar kein Prophet; meine Einsichten in die Theologie der Herrschaft kommen von der Erforschung der globalen Pfingstbewegung her. Ich vermute aber, dass Vance kandidieren wird; er wird nicht zuletzt von der Tech-Elite gepusht. Als Katholik dürfte er bei Evangelikalen anfangs weniger Zustimmung finden als Trump. Es kann auch sein, dass das breite evangelikal-charismatisch-pentekostale Lager jemand Neuen aus dem Hut zaubert, so wie vor zehn Jahren Trump, der für Evangelikale eigentlich ein Aussenseiter war. Solche Figuren entstehen über Prophezeiungen, die sich in sozialen Medien wie ein Schneeball verbreiten.
Werden Propheten nicht entlarvt, wenn ihre Prophezeiungen nicht eintreffen?
Das Feld der prophetischen Stimmen ist so unüberschaubar, dass es immer andere gibt. Entscheidend sind soziale Medien und Sender wie Fox News. Sie erreichen Menschen irgendwo in den Appalachen. In der Blase Manhattans verfängt das nicht, dort aber schon.
In der Schweiz hätte ein solcher Glaube wohl wenig Chancen. Hier gilt: Ich stehe selbst vor meinem Herrgott und lasse mir nichts vorschreiben. Deshalb haben die Reformierten in der Schweiz kein Glaubensbekenntnis.
Ja, das ist ein Schweizer Prinzip.