Russlands Armee hat einen schlechten Ruf, wiederholt gab es Berichte von Schikanen und Misshandlungen. Wie kommt das?
Jens Siegert: Wie in vielen Armeen gibt es eine tief verwurzelte Gewaltkultur. Das hat unter anderem mit dem Konzept von Befehl und Gehorsam zu tun. In der russischen Armee kommt das «Grossvatertum» hinzu. Als es noch eine dreijährige Wehrpflicht gab, forderten die Männer im dritten Jahr systematisch Dienste von den Jüngeren ein, quälten sie. Es kam zu Unfällen, Suiziden, Männer griffen ihre Kameraden an. Seit der Wehrdienst nur noch ein Jahr dauert, hat sich das etwas gebessert.
Der Ukraine-Krieg fordert auch Todesopfer auf russischer Seite. Ist das öffentlich Thema?
Auf nationaler Ebene gab das Verteidigungsministerium nur zwei Mal Opferzahlen heraus. Wenn überhaupt, wird auf regionaler Ebene informiert - dort, wo Leichen zurückkommen. Betroffen sind weniger grosse Städte wie Moskau oder St. Petersburg, sondern wirtschaftlich schwächere Regionen.
Wie kommt das?
Die russische Armee ist eine Armee der Armen. Wer halbwegs ein Einkommen hat, schaut, dass er um den Wehrdienst herumkommt. Aber auch in ärmeren Regionen wird nicht viel über die Toten gesprochen. Die Medien berichten meist nur, wenn ein hochrangiger General umkam oder Putin Soldaten auszeichnet.