In seinem Buch «Rudolf Steiner, Leben und Lehre» weist Heiner Ullrich darauf hin, dass umstritten ist, ob Steiners Christuslehre der ursächliche Grund zum Bruch mit der Theosophie war oder ob Steiner seine Christologie dezidiert ausbaute, um den Bruch zu provozieren. Mit Annie Besant, der damaligen obersten Leiterin der Theosophie, verstand er sich nämlich schlecht. Von ihr zu einem eigenen Weg quasi gezwungen zu werden, konnte ihm nur recht sein.
Die Evangelien als Schlüsseltexte
Als Pfeiler seiner Anthroposophie waren Rudolf Steiner die vier Evangelien wichtig. Er behandelte sie aber anders, als es in der klassischen evangelischen oder katholischen Theologie der Fall ist. Für ihn stellten die Evangelien «Einweihungsschriften von unterschiedlicher geistiger Tiefe» dar (Ullrich). Er erweiterte ihre Erzählungen vom Leben, Wirken und Sterben des galiläischen Wanderpredigers Jesus von Nazaret um eigene Zusätze, die er, wie er selber sagte, der sogenannten «Akasha-Chronik» entnommen habe, einem übersinnlichen, immateriellen, nur Eingeweihten zugänglichen «Buch des Lebens». Steiner begann, diese Chronik als fünftes Evangelium zu verkünden.
Das traditionelle Christentum berichtet davon, dass Jesus von Nazaret als Gottgesandter und Messias das nahe Reich Gottes verkündete, wegen angeblichen Aufruhrs von den Römern hingerichtet wurde, nach drei Tagen als Christus von den Toten auferstand und so das göttliche Erlösungswerk im Dienst der Menschheit vollendete.
Rudolf Steiner erzählte diese Geschichte eigenwilliger. Nach ihm ist Christus ein geistiges Wesen, das sich seit Urzeiten in der Sonne verbirgt. Nachdem vorchristliche Religionen das Terrain vorbereitet hatten, war die Welt reif für die geistige Evolution des Menschen, und so kam Christus in der Gestalt des Jesus von Nazaret in die Welt.
Die zwei Jesusknaben
Dabei geschah laut Steiner Folgendes: Im damaligen römisch besetzten Palästina kamen im Jahr Null zwei geheiligte Knaben zur Welt, die beide den Namen Jesus trugen. Dass es zwei Jesusknaben gewesen sein müssen und nicht nur einer, leitete Steiner unter anderem aus den unterschiedlichen Stammbäumen in den Evangelien nach Lukas und Matthäus ab.
Der eine dieser Knaben – jener des Matthäus-Evangeliums – war laut Steiner die Wiedergeburt des altpersischen Propheten Zarathustra. Im anderen – dem lukanischen – soll der Geist Buddhas gewirkt haben. Zur Zeit, als die beiden Knaben zwölfjährig waren, ging der Geist des matthäischen auf den lukanischen Jesus über. Nun war dieser zu hoher Weisheit gelangt und setzte im Tempel von Jerusalem die Schriftgelehrten in höchstes Erstaunen. Sein gleichaltriger Namensvetter aber hatte seine Aufgabe erfüllt und starb.
Als Jesus 30 Jahre alt war und von Johannes im Jordan getauft wurde, war gemäss der steinerschen Christologie der Zeitpunkt gekommen, dass er den Christus-Geist aufnehmen konnte. Als Christus wurde er schliesslich auf Golgatha geopfert, um Kräfte freizusetzen, die es der Menschheit ermöglichen sollten, den Weg zurück in die geistige Welt zu finden.
Eine eigene Kirche
Ursprünglich dachte Steiner bei seinem christlichen Weg vor allem an meditative Selbstvergeistigung, die er «Geistesforschung» nannte; erst später rief er zusammen mit einigen Theologen die sogenannte Christengemeinschaft als eigenständige Kirche ins Leben. Diese ist aber nicht identisch mit der anthroposophischen Bewegung, sondern nur ein Teil von ihr. Gemeinden dieser etwa 35'000 Mitglieder umfassenden Sondergemeinschaft existieren weltweit, auch an verschiedenen Orten der Schweiz.