Sie mag Menschen und ihre Geschichten

Freiwilligenarbeit

Christine Bachmann bewegt sich in zwei Welten, die nur auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Sie ist VIP-Flight Attendant und begleitet Menschen am Ende ihres Lebens. 

Innert 90 Minuten muss Christine Bachmann jeweils abflugbereit sein. Möglich, dass sie gerade an einem Sterbebett sitzt oder mit ihrem Mann am Biken ist, wenn ihr Arbeitgeber, ein internationales Privatjet-Unternehmen, sie aufbietet. «Dann bin ich null gestresst», erzählt die 54-jährige Flugbegleiterin und strahlt. «Ich atme tief durch und fokussiere einen Moment auf die bevorstehende Rotation.» Die Fliegerei sei ihre Leidenschaft. Sie beinhalte vieles, was sie gerne mache und gut könne. 

Ohne Hektik schliesst sie dann jeweils ab, was sie gerade tut. Alles Wichtige liegt parat: die Checkliste für den Einsatz, Ausweise, Gepäck. Den Zeitplan hat sie hundertfach erprobt. Im Auto nach Kloten organisiert sie telefonisch das Catering, am Flughafen macht sie sich frisch, schlüpft in die Uniform. Im Jet, der wie ein fliegendes Hotel ausgestattet ist, arrangiert sie Häppchen als Willkommensgruss. Mit einem herzlichen Lächeln empfängt sie anderthalb Stunden nach dem Aufgebot ihren Fluggast. 

Umsichtige Gastgeberin 

Szenenwechsel. Im Kirchgemeindehaus Oftringen sitzt Christine Bachmann gemeinsam mit vier Frauen um ein knallrotes herzförmiges Kissen. Ihre Hände sind gefaltet, sie beten. Teelichter, Ahornblätter und kleine Vasen mit weissen Blümchen sind liebevoll um das Kissen arrangiert. Auf A4-Blättern steht in Grossbuchstaben das Wort Trauer. 

Kurz vor 14 Uhr stehen sie auf, öffnen die Türe und begrüssen die Gäste, die an diesem Nachmittag im Mai zum Trauertreff «Lebensraum plus» kommen. Die meisten sind nicht zum ersten Mal hier. Christine Bachmann schüttelt Hände, umarmt, findet für jeden ein paar persönliche Worte. Sie fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle der Gastgeberin. Immer schon habe sie Freiwilligenarbeit gemacht, erzählt die lebhafte Aargauerin im Gespräch mit «reformiert.» vor dem Treffen. Früher war das in der kirchlichen Jugendarbeit, später im schweizweit tätigen Verein «Tischlein deck dich», beim Coaching sowie in der Trauer- und Sterbebegleitung. 

Menschen am Lebensende sind sehr authentisch. Das zu erleben, ist ein Geschenk.

Sie könne es sich finanziell und zeitlich leisten, mit Menschen ein Stück Leben zu teilen, auch weil sie und ihr Mann keine Kinder hätten. Die Tätigkeit empfindet sie als sinnstiftend. «Ich mag Menschen und ihre Geschichten.» 

Den Jugendtraum leben 

Anfang 20 wollte sie deshalb Sozialpädagogin werden, erfüllte sich aber  schliesslich ihren Jugendtraum und bewarb sich 1996 erfolgreich als Flight-Attendant bei der Crossair. 2002 wechselte sie zur Businessjet-Firma Cat Aviation. 

Dort begleitete sie Sportler, Musiker, Bundesräte, Wirtschaftsleute und Schauspieler auf ihren Flugreisen. Bachmann organisierte für sie den Lieblingschampagner, servierte Essen, das sie im Gault-Millau-Restaurant bestellt hatte. Und sorgte dafür, dass an Bord, je nach Wunsch, ein Business-Meeting, eine ausgelassene Party oder der nötige Schlaf möglich waren. 

Die Freiwilligenarbeit und der Jetset-Job sind zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Doch in beiden sei sie mit Menschen unterwegs und könne einfach da sein, ohne deren Situation zu beurteilen oder infrage zu stellen. «Das gibt mir extrem viel Freiheit, ich kann den Menschen zeigen, dass sie gesehen werden, geliebt und respektiert sind.» 

Halt gebender Glaube 

Zur Trauer- und Sterbebegleitung fand Bachmann, weil ihr Sterben und Tod Mühe machten. «Ich fand keine Worte dafür und wurde schnell emotional.» Bei der Aargauer Landeskirche machte sie deshalb eine Ausbildung in Palliative Care – und fing Feuer. Die Begleitung von Trauernden und Sterbenden erfülle sie. «Es ist ein Geschenk zu erleben, wie authentisch Menschen am Ende ihres Lebens sind.» 

In ihrem Kopf habe sie eine Kommode mit unzähligen Schubladen. Nach einem Gespräch lege sie das Erlebte in ein Fach und schliesse es, im Wissen darum, dass es nicht ihre eigene Geschichte sei. «So verliere ich meine Leichtigkeit nicht. Sie ist mir wichtig.» 

Und immer wieder hilft ihr der christliche Glaube. Ob in der Bordküche des Privatjets oder vor dem intensiven Besuch am Sterbebett: Christine Bachmann nimmt sich einen Moment Zeit und betet zu Jesus. Sie sagt: «Ich weiss dann, dass es genügt, was ich gebe. Den Rest macht er.»

Der Trauertreff im Pfarrhaus der reformierten Kirche Oftringen findet jeweils  am zweiten Donnerstag im Monat von 14 bis 16 Uhr statt, ausser im Juli.