Für Frieden Menschen an einen Tisch bringen

Gastronomie

Für David Höner sind Restaurants ein Fundament der Gesellschaft. Seine «Küche ohne Grenzen» bringt Beizen in Krisengebiete.

Schon von weither sichtbar sitzt David Höner in der Beiz zwischen den offenen Glasschiebetüren, mit weissen kurzen Haaren und weissem Hemd, eine Zeitung lesend. Manchmal blickt er auf und schaut in die Bäckeranlage hinaus, einen kleinen Park in der Stadt Zürich. Ein Lieblingsort, sagt er. Höner hat lange in der Nähe gewohnt. «Es ist ein Treffpunkt von völlig unterschiedlichen Menschen, wie der ganze Kreis 4.»

Direkt zu Beginn der Begegnung schiebt der 70-Jährige ein Buch über den Tisch. «Hier steht eigentlich alles drin», sagt er lapidar und mit feinem Lächeln. Autor des Buchs «Kochen ist Politik» ist Höner selbst. Darin beschreibt er, wie es zur Umsetzung seines Herzensprojekts gekommen ist, des gemeinnützigen Vereins Cuisine sans frontières, der Küche ohne Grenzen. 

Vom Kochen zum Tanzen

Begonnen hat alles in Egg und in Dübendorf, wo der Pfarrerssohn David aufwuchs und Koch lernte, nicht zur Freude der Eltern. Nach 15 Jahren im Beruf entschied er sich für eine Tangoausbildung in Argentinien. Danach war er zehn Jahre als Tanzlehrer und Theaterregisseur in Zürich und Berlin tätig.

Das alles erzählt Höner wie im Schnelldurchlauf. Viel wichtiger ist ihm, was er auch heute noch tut. Da ist einerseits das Schreiben. Schon während seiner Zeit als Tänzer begann er mit Theater- und Prosastücken sowie Hörspielen. Als er mit seiner Partnerin 1994 im Rahmen eines Wohnungstauschs in die Agglomeration von Ecuadors Hauptstadt  Quito zog, kam auch noch der Journalismus hinzu.

Wenn es ein Restaurant gibt im Dorf, verändert sich die Stimmung.

Damals begann der Koch, für das Gastronomiemagazin «Salz & Pfeffer» zu schreiben, schliesslich wurde er Redaktor. Bis Höner für eine Reportage ins Bürgerkriegsgebiet in Kolumbien fuhr. «Dort erkannte ich das Potenzial einer Idee, die ich einmal fiktiv in einem Prosastück beschrieben hatte», erzählt Höner. In Katastrophen- oder Kriegsgebieten sterbe oft als Erstes das Gastgewerbe, und damit verschwinde ein öffentlicher Raum, in dem sich die Bevölkerung treffen und austauschen könne. Ein Ort, der Halt gebe. Gerade in solchen Gebieten müsste man doch Beizen eröffnen! «Ich erzählte einer Freundin davon, und sie sagte: Mach das!»

Beizen geben Sinn und Halt

Höner gründete die Organisation Cuisine sans frontières. «2005 eröffneten wir in Kolumbien die erste Beiz dank Unterstützung aus dem Freundeskreis und mit viel Eigenkapital.» Die Idee habe funktioniert. «Wenn es ein Restaurant gibt im Dorf, verändert sich die Stimmung.» Die Arbeit stifte Sinn, und der geschützte Raum ermögliche es, Kontakte zu knüpfen und zu stärken, sagt Höner. So sei es auch möglich, dass die Menschen am Tisch Konflikte beilegten. 

Der Verein ist gegenwärtig mit über einem Dutzend Projekten aktiv. In Burkina Faso etwa, in Kolumbien, im Libanon. Und auch im Zürcher Bundesasylzentrum. Teil des Konzepts sind Ausbildungsprogramme, die den Leuten Zukunftsperspektiven eröffnen sollen.

Staatliche Förderung gefordert

Höner findet Gaststätten für die Gesellschaft insgesamt bedeutungsvoll. «Quartierbeizen müssten staatlich gefördert werden. Eine gesunde Gastronomie ist wichtig», sagt er dezidiert. Restaurants wie das Bistro Brot in der Bäckeranlage mag er. Und auch simple Strassenkioske, wo es beinahe alles zu kaufen gibt und ein paar Tischchen dazu, seien «Orte, an denen sich die Leute treffen».

Ein Mann kommt vorbei und bittet um Geld. Höner klaubt ein paar Münzen hervor und wünscht dem Mann einen schönen Tag. Als dieser weiter weg ist, sagt er: «Man kennt ihn hier.» Auch Höner selbst hat zu wenig Geld, um in der Schweiz leben zu können, was er eigentlich gern würde. «Auf der Quaibrücke beim Bellevue stehend würde ich den Ort allein am Geruch erkennen», sagt er. Und wieder erscheint dieses feine Lächeln.