Eine solche kritische und laute Stimme ist diejenige der katholischen Theologin Rita Perintfalvi. «Die Fidesz-Regierung hat schnell nach ihrer Machtübernahme damit angefangen, die Kirchen und ihre Institutionen zu instrumentalisieren», erklärt Perintfalvi im Gespräch mit «reformiert.». So sei man von der rund 40-jährigen Unterdrückung durch die Kommunisten und einer kurzen Phase der Freiheit nach der Wende relativ schnell wieder in eine Abhängigkeit geraten. «Nur durfte man das so nicht aussprechen», sagt Rita Perintfalvi. Die Fidesz-Regierung positioniert sich als Hüterin und Verteidigerin christlicher Werte in Europa und spannte dafür auch die Kirchen ein.
Patriotische Schulbücher
Die Landeskirchen erhalten vom Staat auch Mittel für öffentliche Aufgaben. So stieg beispielsweise die Zahl der von Kirchen betriebenen Kindergärten und Schulen in der Orbán-Ära kontinuierlich an. Das allein muss nicht zwangsläufig als Zeichen staatlicher und regierungsnaher Einflussnahme auf die Schulprogramme sein. Doch sind die offiziellen Schulbücher seit der Fidesz-Machtübernahme durchzogen mit patriotischen Inhalten, die ein traditionelles und christlich-konservatives Familienbild und Gesellschaftsmodell vermitteln.
Die reformierte Kirche Ungarns, die mit rund einer Million Mitgliedern die zweitgrösste Landeskirche ist, betreibt über 100 Primarschulen. Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) unterhält mit verschiedenen diakonischen Organisationen der ungarischen Reformierten eine langjährige Partnerschaft. Angela Elmiger ist Programmverantwortliche für Osteuropa beim Heks und verweist auf die Tatsache, dass das reformierte Schulsystem die Inklusion von Roma-Kindern in den vergangenen Jahren aktiv gefördert hat.
«Ausserdem verrichtet unser ungarisches Pendant viel Flüchtlingsarbeit, obwohl diese in der Gesellschaft nach wie vor stark umstritten ist und polarisiert», sagt Elmiger. Es gebe daher innerhalb der Kirche die unterschiedlichsten Positionen gegenüber Orbán und seiner Partei Fidesz. Deshalb sei es für eine Kirche «in diesem politischen System immer eine Gratwanderung, wie sie sich positioniert», erklärt Elmiger.
Enttäuschte Mitglieder
Die Volkszählung von 2022 hat ergeben, dass sich innerhalb eines Jahrzehnts eine Million Gläubige von der katholischen Kirche losgesagt haben. Als einen Grund für die Austrittswelle sieht Rita Perintfalvi die Enttäuschung vieler Bürgerinnen und Bürger, dass sich «die Kirchen kaum gegen undemokratische Tendenzen und die Missachtung der grundlegenden Menschenrechte in Ungarn gewehrt haben».
In die kommenden Wahlen setzt Perintfalvi grosse Hoffnungen. Ein Regierungswechsel würde auch für die Kirchen eine wichtige Veränderung bedeuten. Vor allem, was ihre Rolle in Ungarns Gesellschaft betreffe. «Die Kirchen müssten in Zukunft neu erlernen, was es heisst, in einer freiheitlichen Demokratie eine eigenständige und unabhängige Stimme zu sein», sagt Perintfalvi. Dazu brauche es natürlich auch eine andere Finanzierungsmethode als das bisherige Modell, das die Abhängigkeit fördere.