Mit Spannung war die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. erwartet worden, zumal schon im Vorfeld bekannt war, welchem Thema sich der katholische Kirchenführer widmen würde: der künstlichen Intelligenz. Am Pfingstmontag stellte er dann sein Lehrschreiben vor, anders als seine Vorgänger persönlich, zudem im Beisein des Chefs des KI-Labors Anthropic und von Theologinnen.
Der Vatikan beschäftigt sich mit dem Thema KI schon lange, seit 2016 gibt es einen Austausch zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Silicon Valley. Der Theologe und Vatikan-Experte Massimo Faggioli begründete das Interesse der Kirche jüngst in einem Gespräch mit «reformiert.» damit, dass KI die Sicht auf den Menschen verändere. Die Idee des Menschen als Entscheidungsträger, geschaffen im Ebenbild Gottes, werde durch KI ersetzt durch Technik. «Das untergräbt die christliche Sicht auf den Menschen», sagt Faggioli.
Tradition und Gegenwart
Dieser Logik entspricht auch der Titel der Enzyklika. «Magnifica Humanitas» stellt nicht die KI, sondern die «grossartige Menschheit» ins Zentrum. Das über 100 Seiten starke Werk steht in der Nachfolge der Sozialenzyklika «Rerum Novarum», in der sich Papst Leo XIII. exakt 135 Jahre zuvor der Industrialisierung widmete.
Mit «Magnifica Humanitas» sei dem amerikanischen Papst ein «grosser Wurf» gelungen, sagt Thomas Schlag, Theologieprofessor an der Universität Zürich und Leiter des Fachbereichs Digital Religions. Die Schrift nehme die Gegenwart wahr und stärke zugleich die Traditionen der katholischen Kirche. Stossend findet Schlag allenfalls die Deutungsmacht, die in der Schrift über andere Konfessionen und Religionen erhoben werde.
Als eindrücklich bewertet der reformierte Theologe die Bandbreite der Themen: «Es steckt quasi eine eigene Friedensdenkschrift in der Enzyklika sowie eine Bildungsdenkschrift und natürlich die ganze Thematik der Umwälzungen der Arbeitswelt.» Tatsächlich widmet sich die Enzyklika detailliert den Auswirkungen der KI: etwa den Gefahren neuer Formen der Sklaverei – in Rechenzentren oder bei der Herstellung technischer Geräte.
Autonome Waffensysteme
Unmissverständlich warnt Leo vor autonomen Waffensystemen: Tödliche oder irreversible Entscheidungen dürften künstlichen Systemen nicht anvertraut werden. Er kritisiert ausserdem die Narrative von Trans- und Posthumanismus, die den Menschen als überholtes Wesen betrachten, das durch Technik verbessert oder sogar ersetzt werden könne: Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem könne ein Herz erschaffen, «das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt».Der Papst sieht die Menschheit am Scheideweg. Er fordert mehr Kontrolle über die Tech-Konzerne und eine «Entwaffnung von KI».
Botschaft der Befreiung
Inwiefern die Enzyklika Einfluss auf Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft haben wird, bleibe abzuwarten, sagt Schlag. Theologisch attestiert der Professor dem Text «eine starke Glaubenslehre», die sich mit dem Menschen als Beziehungswesen Gottes auseinandersetze und klar befreiungstheologische Ansätze erkennen lasse.
