Der Mann, der Gott in die Blumen schrieb

Kirchenmusik

350 Jahre nach seinem Tod leuchtet Paul Gerhardts Bild noch immer: das Göttliche als Urkraft alles Lebendigen. Eines seiner Lieder öffnete der Autorin die Tür zur Spiritualität.

Ich bin keine Expertin für Paul Gerhardt. Aber der evangelische Theologe, der vor 350 Jahren im Alter von 69 Jahren gestorben ist, hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Mit seinem Lied «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» stiess er mir eine Tür auf zu etwas, was ich das «Göttliche» nenne. Als ich das Lied Anfang der Achtzigerjahre im katholischen (!) Religionsunterricht las – das Singen aller 15 Strophen traute die Katechetin uns Elfjährigen offenbar nicht zu –, begriff ich zum ersten Mal, was der Pfarrer im Gottesdienst meinen könnte, wenn er von «Gott» sprach. 

Plötzlich war da ein klareres Bild: eine Urkraft, die diesen wundersamen Planeten schuf und beseelt, die Natur in ihrer ganzen Fülle. Gott erschien mir nicht mehr als ein diffuser Beobachter im Himmel, dem ich meine Verfehlungen zu beichten habe, sondern als ein Synonym für diese unsichtbare Kraft. Das fühlte sich befreiend an und viel fassbarer. 

Das grosse Wunder

Als Kirchenlieddichter zeichnete Paul Gerhardt poetische Bilder, die zeigen, wie unermesslich grösser das Wunder des Lebens ist als alles, was der Mensch hervorbringt. Er schrieb über 130 Lieder: Trost- und Kreuzlieder, Abend- und Jahres-zeitenlieder, geprägt von den frühen Erfahrungen von Gewalt, Tod und Krankheit während des Dreissigjährigen Kriegs. 

Was sie eint: Sie bleiben nie beim Leiden stehen, sondern münden stets in Hoffnung. «Befiehl du deine Wege» und «Nun ruhen alle Wälder» zählen zu den bekanntesten. Es sind Lieder von solcher Ein-gängigkeit, dass einige zu beliebten Volksliedern wurden. 

Ebenso wie das Lied, das mich als Schülerin so berührt hatte. In «Geh aus, mein Herz» klingt Gerhardts Haltung zur Schöpfung besonders hell: «Die Bäume stehen voller Laub / das Erdreich decket seinen Staub / mit einem grünen Kleide. / Narzissus und die Tulipan / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide.» 

In meiner Fantasie standen prächtig angezogene Blumen wild durcheinander, und ich begriff, dass Salomoni – wer auch immer das war, jedenfalls jemand Wichtiges, Mächtiges – keine Chance hatte, diese sinnliche Urkraft jemals zu übertreffen.

Das Göttliche unter uns

Nicht nur die Bilder trafen mich, auch die Anrede. «Mein Herz» spricht einen geliebten Menschen an, das Lied ist eine Einladung, zusammen unterwegs zu sein. «Schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie mir und dir / sich ausgeschmücket haben.» Zwei Menschen, die innehalten und dasselbe sehen, das ist mehr als Naturbetrachtung. Wieder findet sich das Göttliche nicht oben, sondern mitten unter uns. So zumindest kam es bei mir an. 

Das Bild, das Paul Gerhardt mir als Kind geschenkt hatte, habe ich zeitlebens nicht zusammengebracht mit dem, was ich in vielen Kirchen erlebte: ernste Menschen in Reihen hintereinander, den Blick nach vorn gerichtet, sperrige Texte. Das Lebendige, Leibliche, das Gerhardt so poetisch beschworen hatte, schien dort keinen Platz zu haben. Und doch lebte es weiter in mir, meldete sich wieder, etwa in der Kontemplation, beim Pilgern oder Singen im Chor. 

Vielleicht erklärt das auch, warum ich heute für «reformiert.» schreibe. Was Gerhardt mir als Kind zeigte – dass das Göttliche mitten unter uns ist –, liess mich nie mehr los. Ich schreibe für eine Zeitung, die genau das stärken will: Verbundenheit und einen respektvollen Umgang mit dem Leben, das uns umgibt.

Neues Buch zu Paul Gerhardt

Erika Geiger: Du, meine Seele, singe. Paul Gerhardt, Prediger und Poet. Hänssler, 2026