Die Bibel enthält auch den ersten Krimi der Menschheitsgeschichte: die Erzählung von Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt. «Diese Geschichte steht für viele Grundthemen wie Neid, Schuld, Verantwortung, Recht und Unrecht», sagt die Berner Violinistin, Orchesterleiterin und Dozentin Meret Lüthi. Alles Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleiten. Heute ganz speziell im Umfeld einer technologischen Neuerung, die viel zu reden gibt: der künstlichen Intelligenz, der KI also. Diese selbstlernenden, scheinbar «intelligenten» Programme rechnen, schreiben, zeichnen, arrangieren Musik und leisten anderes mehr in brillanter Nachahmung menschlicher Leistungen. In vielen Bereichen ist dieses Werkzeug bereits kaum mehr wegzudenken.
Paradies oder Hölle?
Euphoriker sehen eine paradiesische Zukunft, in der KI-Programme fast alle Probleme der Welt lösen. Andere sind skeptisch oder lehnen diese Entwicklung sogar ab. Ist die Menschheit gerade im Begriff, sich eine Gottheit zu erschaffen, alles könnend und alles wissend, ihrem Schöpfer haushoch überlegen und somit potenziell gefährlich?
Fragen, die auch Meret Lüthi beschäftigen. Sie ist künstlerische Leiterin des Orchesters Les Passions de l’Âme, welches in seinem Jahresprogramm jeweils auch ein Konzert unter dem Motto «Im-Puls» führt – ein Konzert, an dem musikalische Darbietungen durch gesprochene Inputs eines geladenen Gasts aus der Wissenschaft bereichert werden.
Auf KI fokussiert das heurige «Im-Puls»-Konzert, das im Juni einmal in Bern und tags darauf in Solothurn stattfindet. «KI & Abel» lautet der Titel: ein Wortspiel, bei dem aus dem biblischen Brudermörder Kain die lautähnliche KI wird und Abel das Opfer dieser Maschine.
Der Sonne zu nahe
In dem von Meret Lüthi konzipierten Konzertprogramm ist auch die Frage angelegt, wer wohl die bessere Musik macht, der Mensch mit seinen zuweilen überraschenden und verfeinerten Einfällen oder die Maschine mit ihren berechneten und berechnenden Effekten. Oder, zugespitzt gefragt: Wer ist letztlich Herr und Herrin über die Kreativität?
Und ist es nicht so, dass die Angst, die eigene Erfindung könnte nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein, eine alte, geradezu mythische Angst ist? Von dieser Urangst kündet die altgriechische Sage von Ikarus, der sich die von seinem Vater Dädalus erschaffenen Flügel umschnallt und sich in die Lüfte erhebt. Trotz der Warnung kommt er der Sonne zu nahe; das Wachs, das die Federn der Flügel zusammenhält, schmilzt, und der allzu kühne junge Mann stürzt in den Tod.
Inspirierende Geschichten
Kain und Abel, Ikarus und Dädalus: Diese und andere Geschichten aus der Bibel und der antiken Mythologie haben im Lauf der Zeit immer wieder das Kulturschaffen inspiriert, unter anderem auch in der Musik. Les Passions de l’Âme führt am kommenden «Im-Puls»-Konzert eine Auswahl entsprechender Werke aus dem Barock auf, dazwischen erörtert der Theologe und Ethiker Peter Kirchschläger seine Gedanken rund um das Thema KI.
Der persönliche Blick
Auch Meret Lüthi ist als Musikerin und Dozentin unmittelbar von den Fragen berührt, die sich aus der neuen Technologie ergeben. Abgesehen davon, dass diese Errungenschaft enorme Mengen an Energie benötige, was wenigen Nutzerinnen und Nutzern wirklich bewusst sei, trete KI in wirtschaftliche und auch kreative Konkurrenz zum Menschen, stellt sie fest.
«Aktuell bin ich aber überzeugt, dass KI im kreativen Bereich nicht über die Imitation hinauskommen wird», lautet ihr Fazit. KI-Systeme täten ja nichts anderes, als sich im Internet an der Fülle an menschengemachtem Material zu bedienen und daraus uninspirierte Standardware zu synthetisieren.
Demgegenüber speise sich das unverwechselbare Schaffen eines Menschen nicht aus der Gesamtheit aller schriftstellerischen, musikalischen sowie wissenschaftlichen Werke, die je erschaffen wurden. «Sondern aus dem, was ich als Individuum persönlich gelernt, gelesen, gehört und rezipiert habe, in seiner Gewichtung, aber auch Lückenhaftigkeit. Entscheidend ist mein ganz persönlicher Blick auf die Welt. Das wird eine Maschine niemals können, das kann nur ein Mensch.»
Auf der anderen Seite sieht Meret Lüthi in KI auch Chancen. Dann vor allem, wenn sie pragmatisch als Werkzeug eingesetzt werde, etwa beim Erledigen von Routinearbeiten. In jedem Fall aber gelte: «KI kann ich erst sinnvoll nutzen, wenn ich selber in der Materie sattelfest bin und mich nicht einfach vertrauensvoll einer Maschine ausliefere, deren Output auf Wahrscheinlichkeiten basiert.»
