Zwischen Glaube, Verlust und neuer Weite

Roman

Ein Sturz in den Bergen verändert alles. Jahre später formt Andreas Pauli Erinnerungen an Liebe, Krise und Religion zu einem Buch, das nicht auf alles Antworten hat. 

Gregor als junger Student in einer Bar in Bern, rotes lockiges Haar, ein Bier in der Hand. Vor ihm steht eine junge Frau mit blonden Zöpfen, der er gern imponieren möchte. Der angehende Theologe erzählt Lisbeth von Jakob aus der Bibel. Die Buchhändlerin staunt schmunzelnd über den jungen Mann. 

Sprung. Gregor steht viele Jahre später vor dem Spiegel im Bad. Seine Haare sind silbergrau geworden, die blauen Augen wirken wässerig. 

Mit diesen zwei Szenen beginnt Andreas Paulis Buch «Königsweg nach Sukur». Zwischen den Bildern seines Alter Ego spannt der pensionierte Aargauer Pfarrer bewegende Szenen aus seinem Leben auf. Schicksalshafte Momente, Brüche, gerade Wege und Umwege, die erst im Rückblick ihr Gewicht zeigen. 

Ordnung und Sinnsuche 

Dabei hatte er dieses Buch gar nicht geplant. Den Entscheid, seine persönlichen Texte zu veröffentlichen, traf Pauli während eines Spaziergangs mit seinem Hund an der Aare bei Rupperswil, wo er lebt. In der Nähe jener Bank am Fluss, auf der auch Gregor im Buch immer wieder gedanklich in die Vergangenheit reist, erzählt er von diesem Moment: «Ich habe mich damals gefragt, ob das jetzt wirklich noch sein muss, nach einem arbeitsreichen Leben, nebst Enkelhüten, Chorsingen und Spanischlernen.» Aber da sei der starke Wunsch gewesen, seine Erinnerungen und Gedanken in eine Form zu giessen, eine innerliche Ordnung zu schaffen. «Ich wollte mir begegnen, mich mir selbst stellen.» Auch verband er das Schreiben mit der Hoffnung, auf diese Weise vielleicht den Sinn des Lebens zu finden. 

Ich wollte mir begegnen, mich mir selbst stellen.
Andreas Pauli, Autor und pensionierter Pfarrer

Entstanden ist ein fragmentarisches Buch ohne feste Chronologie. Gregor springt im Erzählen vor und zurück, von Erinnerungsfetzen zu längeren Episoden. Die Schauplätze wechseln zwischen Nigeria, den Kirchgemeinden in der Schweiz, in denen er als Pfarrer amtete, der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, in der Gregor, respektive Pauli, als Seelsorger arbeitete, und dem Aareufer. Das grössere Bild fügt sich beim Lesen erst allmählich zusammen. 

Zwei biografische Zäsuren prägen dieses Mosaik besonders stark. Die erste erlebt Gregor in Nordnigeria, im Dorf Sukur, wo ein König wohnt. Dort lebt er in den Neunzigerjahren mit seiner Familie. Die Kinder wachsen in der Natur auf, in Gemeinschaft von vielen anderen Kindern. Gregor und Lisbeth durchleben eine schwere Ehekrise. Zugleich öffnet sich für den jungen Pfarrer eine spirituelle Welt, die ihn tief berührt. «In Nigeria erlebte ich Kirche als offenen, lebendigen Raum, in dem Menschen intensiv glauben und zugleich Verschiedenes integrieren, christliche Tradition, Ahnenverehrung, spirituelle Praktiken.» Niemand verlange Eindeutigkeit. Glauben zeigt sich als Haltung dem Leben gegenüber und nicht als Abgrenzung. Diese Offenheit prägt Gregor nachhaltig. 

Zwischen Freiheit und Enge 

Die zweite Zäsur trifft ihn 2016. Während einer Wanderung in den Bergen stirbt seine erste Frau. Sie stolpert und stürzt über einen Abhang. Nach 33 Jahren Ehe verliert Andreas Pauli seine Partnerin. Um den Verlust zu verarbeiten, geht er 2017 drei Monate nach Costa Rica. An einem Tisch mitten im Park einer Universität schreibt er stundenlang Gedanken und Gefühle in seinen Laptop, ganz ohne Absicht, die Texte zu veröffentlichen. Erst viele Jahre später, im Herbst 2025, stehen sie frisch gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln. 

Die kirchliche Botschaft erscheint mir hierzulande häufig vereinfacht und gebürstet.

Die biografischen Einschnitte geben dem Buch seine Struktur. Durch die Erinnerungen zieht sich Gregors Auseinandersetzung mit dem Glauben. Sie intensiviert sich in Nigeria und stösst später in der Schweiz an Grenzen. «Die kirchliche Botschaft erscheint mir hier häufig vereinfacht und gebürstet», erläutert er im Interview. Einen existenziellen Austausch über Gott findet Gregor erst wieder als Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, mit Inhaftierten verschiedenster religiöser Prägung. «Diese Tiefe vermisste ich in der Arbeit in Kirchgemeinden. Nach dem Gottesdienst wurde über Familie oder Krankheiten geredet, aber nicht über Spiritualität.» 

Heil, aber nicht unversehrt 

Was Gott ist, darauf hat Andreas Pauli bis heute keine klare Antwort gefunden. Sicher ist er sich nur: «Das Wort Gott steht für die Erfahrung des Transzendenten, die Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen teilen. Es ist eine tragende Kraft, die es gut mit dem Menschen meint.» Diese Erfahrung spiegelt sich für ihn auch in der biblischen Figur Jakob wider, die im Buch immer wieder auftaucht: ein Mensch, der mit sich ringt, scheitert und gesegnet weitergeht, heil, aber nicht unversehrt. 

Die ungehobelte Erzählweise passt zu mir. Auch in meinen Predigten habe ich nie fertige Antworten geliefert, sondern manches nur angetönt.

Zurzeit ist Andreas Pauli auf Lesetour, vor allem in Kirchgemeinden. Er erhält viele Rückmeldungen, auch kritische Stimmen, man habe sich mehr Details gewünscht. Pauli bleibt dabei. «Die ungehobelte Erzählweise passt zu mir. Auch in meinen Predigten habe ich nie fertige Antworten geliefert, sondern manches nur angetönt.» Beim Schreiben habe er sich auch an der Bibel orientiert, die vieles offenlasse und gerade dadurch wirke. 

Für Andreas Pauli wurde der Königsweg im Schreiben sichtbar. Nicht als idealer Weg, sondern als der eigene, mit Brüchen und offenen Fragen. Als eine langsame Annäherung an sich selbst.

Buch und Lesetour

Andreas Pauli: Der Königsweg nach Sukur. Spiegelberg, 2025. Lesungen: 13. März, 19 Uhr, ref. Kirche, Beinwil am See; 8. April, 14.30 Uhr, Seniorennachmittag im Dankensberg; 6. Mai, 9 Uhr, ref. Kirche, Buchs AG