Im Sommer geht die Kirche an die frische Luft

Gottesdienste

Die «Talpredigt» im Justistal ist für viele Menschen in der Kirchgemeinde Sigriswil ein Highlight des Sommers. Auch viele andere Kirchgemeinden zieht es jetzt hinaus in die Natur. 

Festbank statt Kirchenbank, Örgeli statt Orgel, Bräteln statt Kirchenkafi: Im Sommer feiern viele Kirchgemeinden Gottesdienste im Freien. Etwa Sigriswil am Thunersee. Jährlich am dritten Sonntag im August findet der Alpgottesdienst im malerischen Justistal statt, die «Talpredigt», wie die Einheimischen sagen. Der Anlass hat eine lange Tradition. 

Heinz Kämpf ist Kirchgemeinderat und war als gebürtiger Sigriswiler schon als Bub dabei. Seit zehn Jahren ist er von Amtes wegen stark in den Gottesdienst involviert. Bereits am Freitag sperrt er die Brätlistelle auf dem Büffelboden ab. Am Sonntagmorgen bringt er 80 Festbänke, dazu Tische und Getränke mit einem Anhänger dorthin und schaufelt Kuhfladen weg. Freiwillige helfen beim Aufstellen. Kämpf freut sich jedes Jahr wieder auf den Anlass. «Ich geniesse diesen schönen Tag immer und treffe auf viele bekannte Gesichter.»

Jährlicher Höhepunkt 

«Der Anlass war für mich immer ein Highlight im Jahr», sagt auch Christian Berger. 22 Jahre lang war er Pfarrer in der Kirchgemeinde und hat den Gottesdienst im Justistal – im Wechsel mit der zweiten Sigriswiler Pfarrperson – rund zehnmal durchgeführt. Besonders gerne erinnert er sich an das Gemeinschaftliche: «Das Bräteln im Anschluss bot mir als Pfarrer eine gute Gelegenheit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.» Manche Leute hätten den Gottesdienstbesuch jeweils mit einer Wanderung verbunden.

Die besondere Szenerie im Freien regte Berger jeweils an, sich in seinen Predigten etwa auf die Natur, die Weidetiere oder das Quellwasser zu beziehen. «Die Predigten wurden dadurch sehr lebensnah.» 

Bis zur Corona-Pandemie sei die Veranstaltung wohl in ihrer Hochblüte gestanden, sagt Berger. Covid brachte eine Zäsur mit sich, und die Kirchgemeinde strich aus finanziellen Gründen den besonders von älteren Personen geschätzten Fahrdienst. Doch noch immer zieht die Feier ein zahlreiches Publikum an. 

Beliebter Taufgottesdienst 

Wie viele andere Open-Air-Gottesdienste auch, ist derjenige im Justistal beliebt fürs Taufen. Bergers «Rekord» waren neun Täuflinge, wobei der Anlass damals wegen schlechten Wetters in der Kirche Sigriswil stattfand. Das Wetter war für Berger immer ein gewisser Stressfaktor, besonders bei unsicherer Lage. «Gingen wir in die Kirche und schien dann doch die Sonne, fragten die Leute, warum wir nicht ins Justistal gegangen seien. Regnete es, musst man die Feier abbrechen und alles zusammenräumen.» 

So erlebt es auch Pfarrer Christoph Bühler. Seit mehreren Jahren führt er den Gottesdienst jeweils durch. Auch er schätzt den schönen Anlass, zieht jedoch das Kirchengebäude als Ort für Gottesdienste vor. «Dort ist die Infrastruktur bereits vorhanden, draussen muss man alles extra einrichten», sagt er. Ein solcher Aufwand liege nur ausnahmsweise drin und erfordere auch viel ehrenamtlichen Einsatz. 

Ein grosser Aufwand, der sich aber lohnt. Nebst der Kerngemeinde sind jeweils auch viele Leute anwesend, die den Gottesdienst in der Kirche sonst kaum besuchen. Etwa Leute aus dem persönlichen Umfeld der drei örtlichen Musikgesellschaften, die abwechslungsweise am Gottesdienst spielen, und Angehörige der Tauffamilien. 

Volkskulturell bedeutsam 

Für die Tauffamilien hat die «Talpredigt» oft auch eine volkskulturelle Bedeutung: Gerne kleiden sie sich in Mutz und Tracht und posieren für Fotos vor der Sichle, dem markanten Grat zuhinterst im Justistal. Die Sigriswiler Bevölkerung sei stolz auf das schweizweit bekannte Tal, sagt Heinz Kämpf.

Bühler findet es richtig, dass sich die Kirche für die Pflege volkstümlicher Traditionen einsetzt. Vor allem sei aber die Verkündigung des Evangeliums die Aufgabe der Kirche. Dieser Aspekt sei beim Gottesdienst im Justistal eher nachrangig. Auch hat für ihn der Bezug zur Natur theologisch wenig Bedeutung. «Gott ist mir in der Natur nicht näher als überall sonst», sagt er. Ähnlich sieht es Christian Berger. Er verweist auf die Bergpredigt, die Jesus laut Überlieferung auf einem Hügel am See Genezareth hielt. Zwar kämen da Naturelemente vor, aber: «Es geht Jesus nicht um Naturmystik, sondern um das Evangelium» , sagt er.

Justistal-Gottesdienst, Brätliplatz Büffelboden, 16. August, 9.45 Uhr. Weitere Informationen auf der Website der Kirchgemeinde Sigriswil.