Die kleine Reformation in der katholischen Kirche

Befreiungstheologie

Als «Stimme der Armen» entstand in Lateinamerika eine Theologie der Befreiung. Der Philosoph und Theologe Josef Estermann spricht über deren Entstehung, Wirkung und Bedeutung.

Die Befreiungstheologie hatte ihren Ursprung Ende der 1960er-Jahre in Lateinamerika. Was sind die Merkmale dieser Bewegung? 

Josef Estermann: In der Befreiungstheologie werden die Evangelien so gelesen, dass Jesus weder Unterdrückung noch ungerechte Machtverhältnisse will. Weil die Welt oft ungerecht ist, sagt sie: Diese Zustände sind nicht von Gott gewollt. Glaube und Bibel werden dabei zur Kraftquelle und Anleitung, um sich dafür einzusetzen, dass Menschen aus der Unterdrückung befreit werden.

Warum fasste die Befreiungstheologie zuerst in Lateinamerika Fuss? 

Die Machtverhältnisse in der Region waren damals von extremer Ungleichheit geprägt. In vielen Staaten herrschten Militärdiktaturen. Staatlicher Terror war verbreitet. Während eine sehr dünne Oberschicht von den Ressourcen profitierte, prägten soziale Ungleichheit und wirtschaftliche Krisen den Alltag vieler Menschen. Diese Zustände waren starke Treiber für die Ausbreitung der Befreiungstheologie.

Wer waren die wichtigsten Protagonisten der Befreiungstheologie?

Als Vater der Befreiungstheologie gilt der Peruaner Gustavo Gutiérrez. Sein 1971 publiziertes Hauptwerk «Teología de la liberación» (Theologie der Befreiung) gab der Bewegung ihren Namen. Ein weiterer wichtiger Vertreter war Leonardo Boff in Brasilien. Hinzu kamen Juan Luis Segundo aus Uruguay und in El Salvador Ignacio Ellacuría und Óscar Romero, beide wurden ermordet. Mit der «Option für die Armen» forderten sie eine Kirche an der Seite der Unterdrückten.

Josef Estermann

Estermann studierte katholische Theologie und Philosophie in Luzern und Nijmegen (NL). Er arbeitete für die SMB in Cusco (Peru) und war dort Professor für Philosophie am Erzbischöflichen Theologischen Seminar. Später lehrte der 70-Jährige Missionswissenschaften, Christliche Ethik und Religionswissenschaften in La Paz.

Was ist mit dieser Option für die Armen genau gemeint? 

Es ist ein zentrales ethisches und theologisches Prinzip, insbesondere in der katholischen Soziallehre und der Befreiungstheologie. Es bedeutet eine bewusste Parteinahme und Priorisierung der Bedürfnisse von Ausgegrenzten, Schutzbedürftigen und Armen – etwa Witwen, Waisen, Migranten – in Gesellschaft und Kirche. Man behandelt diese Gruppen nicht prioritär, weil sie per se die besseren Menschen wären, wie ein häufiger Vorwurf lautete, sondern weil sie benachteiligt sind.

Als Basis der Befreiungstheologie gilt die Dependenztheorie. Können Sie diese Lehre erklären? 

In den 1960er-Jahren hatte sich insbesondere in Brasilien eine intellektuelle Gruppe gebildet, welche die Situation in Lateinamerika sozialwissenschaftlich analysierte. Sie erkannten, dass Armut kein Zufall ist, sondern das Ergebnis eines weltweiten Wirtschaftssystems, in dem reiche Länder von den armen Ländern profitieren. Die dominanten Volkswirtschaften, damals vor allem die USA und Europa, entnehmen abhängigen Ländern Ressourcen, verarbeiten sie und verkaufen sie zu hohen Preisen weiter. Die Rohstoffe und billigen Arbeitskräfte fliessen aus der Peripherie in die Zentren, während Abhängigkeit und Schulden in der Peripherie bleiben.

Theologie und sozialwissenschaftliche Theorien fanden zusammen? 

Ja. Der ökonomischen Dependenztheorie und der Befreiungstheologie ging und geht es um eine umfassende Befreiung des Menschen aus Unterdrückungsverhältnissen. Die Befreiungstheologie schöpft ihre Hoffnung aus einer befreienden Interpretation der biblischen Texte.

Eine derart autoritätskritische Theologie hatte wohl viele Gegner. 

Natürlich. Deutlich wurde das zum Beispiel an reaktionären Gruppen, wie die der Legionäre Christi aus Mexiko, die sich als Gegenbewegung bildeten. Ende der 1990er-Jahre kam mit Papst Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger als Präfekten der Glaubenskongregation der Backlash. Beide hatten mit der Befreiungstheologie ein Problem.

Johannes Paul II. und viele andere Stimmen im Vatikan beschworen das Gespenst des Kommunismus.

Wie lautete ihre Kritik? 

1984 und 1986 gab die Glaubenskongregation, also die Kommission, die den vom Lehramt vorgeschriebenen Glauben im Vatikan hüten soll, zwei Dokumente heraus. Darin wurde die Befreiungstheologie als Irrlehre bezeichnet. Zudem wurden auch Befreiungstheologen selbst bestraft. Den Professor für systematische Theologie belegte der Vatikan mit einem einjährigen Rede- und Lehrverbot. 

Der Befreiungstheologie wird vorgeworfen, sich zu wenig vom Sozialismus abzugrenzen und mar­xistische Konzepte zu übernehmen. 

Das war der stärkste Einwand gegen die Befreiungstheologie unter Papst Johannes Paul II. Man warf ihr vor, von einer marxistischen Gesellschaftsanalyse auszugehen und damit den Glauben mit einer atheistischen Ideologie zu verbinden. Johannes Paul II. und viele andere Stimmen im Vatikan beschworen das Gespenst des Kommunismus. Die Befreiungstheologie hat aber lediglich die ökonomischen und sozialen Verhältnisse in Lateinamerika als eine Folge der Entwicklung des reichen Nordens gelesen und ist damit der Dependenztheorie gefolgt. Das war nicht explizit marxistisch, aber natürlich herrschaftskritisch. Die Befreiungstheologen haben sich vom Marxismus und Sozialismus als Ideologie immer distanziert.

Und wie kam die Befreiungstheologie von den kirchlichen Vordenkern zur Bevölkerung? 

Ein Befreiungstheologe war in den Anfängen jemand, der in einem Armenviertel mit den Menschen lebte, sich engagierte und gleichzeitig Kurse an einer Hochschule oder Universität anbot, wo er die ihn umgebende Lebenswelt reflektierte. In den Anfängen war die Befreiungstheologie männlich geprägt. Erst später kamen Frauen dazu.

Wie wurde die Befreiungstheologie konkret umgesetzt? 

Die Menschen haben die biblischen Texte selbst in die Hand genommen. Das geschah in Basisgemeinden, in denen Slumbewohner die Texte im Kontext ihrer Unterdrückung lasen. Dafür ausgebildete Laien, sogenannte Animatoren, leiteten an, die biblischen Texte auf die eigene Lebenswirklichkeit hin zu interpretieren. So eignet sich zum Beispiel die Erzählung vom Auszug aus Ägypten gut als Geschichte der Befreiung. Die Analyse der jeweiligen Situation erfolgte stets in den Schritten: sehen, urteilen, handeln, feiern.

Sie selbst haben acht Jahre in Cusco, Peru, in einem Armenviertel gelebt. Erinnern Sie sich an ein Beispiel, wo die vier Schritte konkret umgesetzt wurden? 

Einmal hatten wir Probleme mit der Wasserversorgung. Zuerst ging es darum, diese Realität genau anzuschauen. Für den zweiten Schritt zogen wir die biblische Geschichte heran, die erzählt, wie 5000 Menschen, die gekommen sind, um Jesus zu sehen, mit nur fünf Broten und zwei Fischen satt werden können (Mk 6,30–44). Wir reflektierten sie im Hinblick auf unsere eigene Wasser­knappheit. Wir stellten fest, dass das Speisungswunder ein Organisationswunder beschreibt. Also fingen auch wir an, uns zu organisieren. Wir sammelten Geld, stellten Anträge für einen Brunnen und kamen so ins Handeln: der dritte Schritt. Am Ende, als das Wasser floss, wurde gefeiert. Auch das gehört dazu. Wichtig war, das Narrativ zu brechen, dass wir immer arm bleiben und die Herrschenden immer herrschen werden.

Wer konnte Animator werden? 

Die Animadores wurden in Katechetenschulen ausgebildet und lernten dort, biblische Texte zu deuten. Ein Gründer der Katechetenschulen war der ecuadorianische Priester Leonidas Proaño. Er galt als Bischof der Indios und lebte mit und in den indigenen Dorfgemeinschaften Ecuadors. Er gründete auch die Escuelas Radiofónicas Populares. In diesen katholischen Radiovolksschulen lernten die Menschen lesen und schreiben, und gleichzeitig setzten sie sich intensiv mit den biblischen Texten auseinander.

Die Bibel wieder selbst lesen: Das erinnert an die Reformation. 

Ja, man könnte sagen, die Befreiungstheologie war ein bisschen wie eine Reformation innerhalb der katholischen Kirche. Einige Anliegen der tatsächlichen Reformation hat sie aufgenommen, wie beispielsweise die Souveränität der Gemeinde.

In der Geschichte Lateinamerikas stand die katholische Kirche oft an der Seite der Reichen und Mächtigen, die das Volk ausbeuteten. Waren die Leute da nicht misstrauisch gegenüber Bibel und Kirche? 

Ja und nein. Dass die christliche Religion oder Weltanschauung importiert worden ist, teilweise durchaus mit Gewalt, ist natürlich ein Thema, das verschiedene Kreise weiterhin beschäftigt. Es gibt auch Menschen, welche die Geschichte am liebsten zurückdrehen würden. Sie sind aber eher in der Minderheit. Heute ist die Bevölkerung zumeist katholisch und andin oder katholisch und afroamerikanisch. Mich hat es immer wieder erstaunt, zu beobachten, wie schnell und wie tief sich die christliche Religion mit der indigenen Weltanschauung vermischte.

Woran zeigt sich das? 

Indigene Weltanschauungen – ich kenne vor allem die andine, also die der Menschen in den Anden – korrespondieren gut mit dem katholischen Weltbild. Dabei ist die Figur der Vermittlung entscheidend. Sowohl in der katholischen wie in der indigenen Weltanschauung gibt es zwischen Gott und dem Menschen Vermittler. In der katholischen Tradition ist es die Figur der Maria, in der andinen Kultur ist es die der Pachamama, Mutter Erde. Sie ist für indigene Völker in Peru, Bolivien, Ecuador und Argentinien eine zen­trale Gottheit. Pachamama steht für Fruchtbarkeit, Leben und Schutz.

Die Konzernverantwortungsinitiative in der Schweiz ist für mich ein Beispiel, wie nach dem Muster der Befreiungstheologie vorgegangen wurde.

Der Protestantismus, der eine solche Vermittlung ablehnt, wäre weniger gut aufgenommen worden? 

Die Mittlerschaft und das Geben und Nehmen ist in der katholischen und indigenen Weltanschauung eine Gemeinsamkeit. Eine Rechtfertigung allein aus Gnade, wie wir es im Protestantismus von Martin Luther kennen, ist in Südamerika eine eher schwierige Vorstellung. Der Aspekt des Gebens und Nehmens, den es auch im Katholizismus gibt, führte aus meiner Sicht dazu, dass das Christentum relativ schnell und umfassend akzeptiert wurde. 

Wo steht die Befreiungstheologie heute? Ist sie noch relevant? 

Sie existiert immer noch, und ihr Gedankengut hat sich in der ganzen Welt verbreitet. Die Konzernverantwortungsinitiative in der Schweiz ist für mich ein Beispiel, wie nach dem Muster der Befreiungstheologie vorgegangen wurde. Man analysierte die Situation von Schweizer Firmen im In- und Ausland und verlangte eine Sorgfaltsprüfung. Die Unternehmen sollten Risiken für Menschenrechte und Umwelt in ihrer Lieferkette prüfen und, wenn nötig, Massnahmen ergreifen. Dass die Ideen der Befreiungstheologie aktuell sind, wurde auch klar, als die USA Anfang Jahr den venezolanischen Präsidenten entführten. Es gab in Lateinamerika einige befreiungstheologische Kommentare und Analysen dazu. Die Kritik richtet sich dabei sowohl gegen die Diktatur Nicolás Maduros als auch gegen den amerikanischen Imperialismus, weil beide das venezolanische Volk unterdrücken und Raubbau an der Natur betreiben.

Haben auch Menschen, die im Wohlstand leben, die Befreiungstheologie nötig? Wovon müssen sie befreit werden? 

Sicher von gewissen Konsumzwängen und einer wachsenden Entsolidarisierung, die sich breitmacht. Die typisch liberale Haltung, dass alle alles erreichen können, wenn sie sich nur genügend anstrengen, widerspricht nicht nur den Tatsachen, sondern auch dem Menschen als Solidarwesen, das auf andere angewiesen ist. So steht es auch in unserer Bundesverfassung.

Sie haben mit Ihrer Familie insgesamt 17 Jahre in Peru und Bolivien gelebt. Wie hat die Zeit in Lateinamerika Sie verändert? 

Zuvor war ich ein abendländischer Philosoph und Theologe. Doch die in einfachen, oft elenden Verhältnissen lebenden Menschen dort haben meine Perspektive erweitert und mich aus meinem akademischen, eurozentrischen Turm herausgeholt. In Lateinamerika habe ich zu einer gelebten Form von Kirche und Glauben gefunden, die mich bis heute trägt und prägt. «Was wir sind, sagt mehr, als was wir sagen»: So lautet das Motto der Bethlehem Mission Immensee. In ihrem Auftrag waren wir in Lateinamerika, der Satz bringt mein Erleben auf den Punkt.