Schwerpunkt 25. März 2026, von Silvia Regina de Lima Silva

Ein prophetischer Aufschrei gegen die Unterdrückung

Befreiungstheologie

Aus ihrer Wurzel sind ganz unterschiedliche, vitale Bewegungen gewachsen. Die verschiedenen Strömungen überwinden soziale und auch religiöse Grenzen.

Es war ein prophetischer Aufschrei in einem Kontext von Leid und Unterdrückung: Ende der 1960er-Jahre wurde in Lateinamerika die Bibel neu gelesen, radikal aus Sicht der Schwachen und Ausgegrenzten im Hier und Jetzt, mit dem Evangelium Jesu im Zen­trum. Die Zeit war geprägt von Militärdiktaturen in Südamerika und Revolutionen in Mittelamerika und der Karibik und von grosser Armut fast überall. 

Stärkung der Identität 

Seither hat sich die Befreiungstheologie ständig weiterentwickelt. Sie ist diverser geworden. Immer neue Gruppen entdecken an immer neuen Orten der Verkündigung die Botschaft Jesu zur Stärkung ihrer eigenen Identität und Lebensrealität. Darum sprechen wir heute von unterschiedlichen Befreiungstheologien. 

Inzwischen sind neue Stimmen, Anliegen und Gesichter hinzugekommen. Von Frauen, von indigenen, afrikanischstämmigen und von queeren Menschen. 

Zur Autorin Silvia Regina de Lima Silva

Die katholische Theologin stammt aus Brasilien. Sie leitet das ökumenische Forschungs- und Ausbildungszentrum (DEI) in Costa Rica, das von Mission 21 unterstützt wird. Übersetzung: Christa Amstutz.

Sie alle wehren sich für ihre Rechte und versuchen zugleich, die viel­fältige Spiritualität ihrer Ahnen zurückzugewinnen, die sie in ihrer Identität, in ihrem Kampf um Boden und Würde und ihrer Sorge um die Schöpfung trägt. Sie begegnen dem Göttlichen und begreifen, dass es in ihren Körpern wohnt und sie heiligt. 

Die neue Vielfalt 

Konservative Kreise der Kirchen taten und tun sich schwer mit dieser Entwicklung. Zu Anfang war man aber sogar auch auf befreiungstheologischer Seite skeptisch, was diese neuen, zum Teil auch multireligiösen Strö­mungen bewirken. Doch heute ist klar: Befreiungstheologie in Lateinamerika ist vielfältig. Ihre immer neuen Melodien bilden zu­sammen ein wunderbares, mehrstimmiges Konzert, das Menschen bewegt und viel bewirkt. 

Die rechte Welle 

Auch wenn sich das Gesicht der Befreiungstheologie mit der Zeit gewandelt hat: Ungerechtigkeit und Leid gehören weiterhin zur Realität in Lateinamerika und der Karibik, und sie verschärfen sich gerade heute wieder. Unsere Gesellschaften stehen vor grossen Herausforderungen. Wir sehen uns mit einer rechten Welle konfrontiert. Der Autoritarismus und der Fundamentalismus machen sich zunehmend breit. 

Viele Menschen leben in Angst vor Diskriminierung und Gewalt. Wir heissen sie in unseren Gemeinschaften vorbehaltlos willkommen.

Die sozialen Ungleichheiten wachsen gleichzeitig, die Armut nimmt zu, die Menschenrechte werden einmal mehr mit Füssen getreten, Korruption und Straflosigkeit sind allgegenwärtig. Die Zerstörung des Ökosystems geht ungebremst weiter. Und auch das internationale Recht schafft es nicht, gegen Ungerechtigkeit, Landraub und gewaltsame Übergriffe vorzugehen. 

Aus theologischer Sicht ist besonders schlimm, dass fundamentalistische Kreise in den Kirchen – auf evangelischer wie katholischer Seite – diese Entwicklung legitimieren und befeuern. Sie unterstützen rechte politische Kräfte in ihren zerstörerischen Plänen. 

Nicht müde werden 

Dem setzen wir unverdrossen unsere prophetische Stimme entgegen. Viele Menschen leben in Angst vor Diskriminierung und Gewalt. Wir heissen sie in unseren Gemeinschaften vorbehaltlos willkommen. Als Erstes werden sie gehört und ernst genommen. Das ist das Wichtigste. Von der Gemeinschaft erhalten sie soziale Unterstützung und beteiligen sich meist dann auch selbst daran. 

Befreiungstheologische Basisgemeinschaften wehren sich gegen politisch-wirtschaftliche Herrschaftsmodelle und fundamentalistische theologische Diskurse. Sie folgen dem Gott der Vielfalt, Nächstenliebe und Solidarität und wollen eine prophetische Stimme in düsteren Zeiten bleiben.

Wir werden nicht müde, dem Fundamentalismus das befreiende Evangelium Jesu entgegenzusetzen und die kritische Lesart der Bibel zurückzugewinnen. Wir laden die Menschen ein, der Göttlichkeit zu begegnen, die ihre Körper, den Himmel und die Erde als Haus gewählt hat und damit jedem und jeder Würde verleiht. Und wir möchten die Schönheit dieser Vision gemeinsam feiern. 

Glauben an eine Vision 

Obwohl viele Menschen in der schwierigen Realität den Versprechungen der Populisten glauben, geben die befreiungstheologischen Basisgemeinschaften nicht auf. Sie wehren sich gegen politisch-wirtschaftliche Herrschaftsmodelle und fundamentalistische theologische Diskurse. Sie folgen dem Gott der Vielfalt, Nächstenliebe und Solidarität und wollen eine prophetische Stimme in düsteren Zeiten bleiben. Weil sie an die Vision einer besseren Welt glauben.