Eine Theologie zur Befreiung aus dem Patriarchat

Befreiungstheologie

In der reformierten Kirche ist die feministische Theologie von befreiungstheologischen Ideen beeinflusst. Beide Strömungen setzen sich kritisch mit Machtstrukturen auseinander. 

Rhythmische Klänge erfüllen den hohen Raum. Junge und ältere, vorsichtige und impulsivere Frauen tanzen barfuss oder in Schuhen kreuz und quer über das Eichenparkett. Die Bänke in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich sind schon vor Jahren entfernt worden, ein Schritt hin zu mehr Offenheit. 

Es ist der 7. März, Vorabend des Internationalen Frauentags. Die reformierte Pfarrerin Verena Mühle­thaler und Ksenia Kucha, Movement-Medicine-Lehrerin, gestalten den Abend gemeinsam. Er ist Teil der Reihe «Gott ist keine Spiesserin», die feministische Pfarrerinnen in Zürich vor bald drei Jahren ins Leben gerufen haben. 

Gegen Diskriminierung 

Jeweils am Siebten um sieben Uhr abends laden die Theologinnen in wechselnde Kirchen zu experimentellen Gottesdiensten ein. «Jenseits von Herr und Herrlichkeit», so lautet ihr Motto. Ihr Zugang zum Glauben ist feministisch und befreiungstheologisch geprägt. 

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Machtstrukturen als zentralem Merkmal verbindet die feministische Theologie mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, die in den 1960er-Jahren entstand. Auch die Auslöser überschneiden sich: die soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Gewalt und Armut. Bis heute sind Frauen in der Schweiz häufiger von Armut betroffen als Männer. 

Ich erkannte, dass die bürgerliche Theologie verdeckt politisch war.
Luzia Sutter Rehmann, Theologieprofessorin Uni Basel

Für die Theologin Luzia Sutter Rehmann war deshalb bereits im Studium klar, dass sie eine Befreiungstheologie in Europa mitentwickeln wollte. «Ich erkannte, dass die bürgerliche Theologie verdeckt politisch war. Sie richtete sich an wohlhabende Kreise, die kein Interesse hatten, den Status quo infrage zu stellen und sich zu öffnen.» 

Der Einsatz für gleiche Rechte und gegen Unterdrückung habe jedoch nicht erst in den 1960er-Jahren begonnen, betont Sutter Rehmann. Sie erinnert an die religiösen Sozialisten, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Frieden, Entmilitarisierung, das Frauenstimmrecht und für die AHV einsetzten und mit diesen Gerechtigkeitsfragen eine Theologie entwickelten. 

Verborgenes freilegen 

Eine prägende feministische Befreiungstheologin war für Sutter Rehmann die deutsche Autorin und politische Aktivistin Dorothee Sölle. Ihre differenzierte Auseinandersetzung mit der Allmacht Gottes, ihr Einsatz für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entwarfen eine Theologie, die Gottes Wirken in der Welt mit dem Handeln der Menschen verknüpft. Ein zentraler Satz von Dorothee Sölle lautet: «Gott ist nicht allmächtig, er hat keine anderen Hände als unsere.» 

Luzia Sutter Rehmann sagt rückblickend, sie hätte ihr Theologiestudium wohl ohne feministische Theologie nicht durchziehen können. In den folgenden Jahren lernte sie, und mit ihr viele Mitstreiterinnen, genau hinzuschauen und die verborgenen Geschichten von Frauen in der Bibel freizulegen. 

Die übersehene biblische Geschichte

Als Beispiel nennt sie die Heilung der Schwiegermutter von Petrus durch Jesus (Mk 1,29–31). Die kurze Geschichte werde oft übersehen. «Doch hier findet sich dasselbe griechische Verb für aufstehen wie im leeren Grab, bei der Auferstehung Jesu – egeiro. Das liess mich aufhorchen», sagt Sutter Rehmann, heute Titularprofessorin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Dieses Verb mache die Frau zu einer Mutter der jesuanischen Auferstehungsbewegung.

Mit dieser Art, die Bibel zu lesen, begann eine neue Ära. Die Bibel wurde von feministischen Befreiungstheologinnen nicht länger als zeitlose, neutral überlieferte Wahrheit verstanden, sondern als ein Text, der in patriarchalen Kontexten entstanden und ausgelegt worden war. Alles wurde machtkritisch durchleuchtet: Bibelübersetzungen, die Kommentare, die Geschichtsschreibung, das Gottesbild. 

Je gebildeter und selbstbewusster Frauen und andere marginalisierte Gruppen werden, desto bunter wird auch die Theologie.
Luzia Sutter Rehmann, Theologieprofessorin Uni Basel

Angestossen von Theologinnen in den USA, erlebte die feministische Theologie ab den 1980er-Jahren in der Schweiz einen Aufbruch und mit ihr viele Frauen in der Kirche. Rund um das evangelische Tagungszentrum Boldern in Männedorf ZH und an anderen Orten entstand eine feministische Szene, die das Kirchenleben in vielen Gemeinden erneuerte und belebte. 

«In Frauengruppen lasen wir alles, was zu feministischer Theologie erschien. Wir diskutierten kritisch darüber und setzten es kreativ in Gottesdiensten und an Frauenkirchentagen um», erinnert sich Irene Gysel an damals. Sie zählt zu den Begründerinnen der ökumenischen Frauenbewegung und war Mitglied des Kirchenrats der Zürcher Landeskirche. Pfarrfrauen traten aus dem Schatten ihrer Männer, mehr Frauen studierten Theologie und übernahmen kirchliche Ämter. 

«Bibel in gerechter Sprache» als Meilenstein

Katholische Theologinnen gründeten 1985 die feministisch-theologische Zeitschrift «Fama», die sich ökumenischen, interreligiösen und queer-theologischen Perspektiven öffnete und bis heute eine wichtige Stimme im Diskurs ist. Vor 20 Jahren erschien die «Bibel in gerechter Sprache», Sutter Rehmann nennt sie einen «befreiungstheologischen Meilenstein». 40 Theologinnen und zwölf Theologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeiteten eine geschlechtergerecht formulierte und antijudaismuskritische Übersetzung der biblischen Texte.

Im Lauf der Zeit wurde die Befreiungstheologie zu einer weltweit vielfältigen Bewegung. Die Ansätze stiessen auch in Asien und Afrika auf Resonanz; zugleich erweiterte sich ihr Fokus auf ökologische Fragen, indigene Rechte oder die Lebenswirklichkeit queerer Menschen. «Je gebildeter und selbstbewusster Frauen und andere marginalisierte Gruppen werden, desto bunter wird auch die Theologie», sagt Sutter Rehmann. «Sie bringen neue Fragen und Perspektiven in die Debatte ein.»

Noch lange nicht zufrieden

Es sei wichtig, das Erreichte wertzuschätzen, zufrieden könne man jedoch längst nicht sein, finden Sutter Rehmann und Gysel. Denn in der Schweiz sei die feministische Theologie weder in der offiziellen Kirche noch an den Universitäten richtig angekommen. Es wäre für die Kirche an der Zeit zu sagen, wo sie bezüglich neuer wissenschaftlicher und damit auch feministischer Erkenntnisse der Theologie stehe, sagt Gysel. «Dazu müsste sie sich zu deren Fragen gezielt und auch mal etwas kämpferisch äussern.» Das passiere noch viel zu wenig. 

Sutter Rehmann plädiert deshalb für eine befreiungstheologisch ausgerichtete Fakultät. Mit Blick auf unterdrückerische Regimes, auf Debatten wie #MeToo oder die Epstein-Files werde deutlich, wie viel weiterhin zu tun sei. «Ich bin sicher, dass kritische Bewegungen künftig neuen Auftrieb erhalten», sagt die Theologin.