Jean Ziegler ist im Jahr 2015 achtzig Jahre alt, als er kurz vor der Abfahrt nach München, wo er als Hauptredner am Gegengipfel zum G7‐Treffen auftritt, «reformiert.» ein Interview gibt. Darin erzählt er eine prägende Szene seiner Kindheit.
Wie jeden Donnerstag fährt der Sohn des Gerichtspräsidenten an einem kalten Novembertag 1948 mit seinem blitzblanken Velo am Viehmarkt vorbei. Verdingbuben, schlotternd und ärmlich gekleidet, hüten das Vieh, während die Grossbauern in der warmen Beiz Berner Platte essen.
Abends stellt er seinem Vater die Frage, die ihn sein ganzes Leben nicht loslassen wird: Warum hungern die Verdingbuben, während sich die reichen Bauern den Bauch vollschlagen? Warum ist die Welt so ungerecht? «Mein Vater antwortete mir als guter Calvinist: Das hat Gott so eingerichtet. Das sei eine gottgewollte, unveränderliche Ordnung,» sagte damals Ziegler.
Revolutionäre Jesus-Worte
Später, beim Studium der Soziologie in Paris, begegnet Hans Ziegler nicht nur Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – sie rät ihm, seinen Vornamen in Jean zu ändern –, sondern auch dem Jesuiten Michel Riquet. Der Retter jüdischer Kinder und Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Okkupation, der das KZ Dachau überlebte, liest mit Ziegler die Bibel – mit besonderem Augenmerk auf das Matthäus-Evangelium.
