Fünfsternehotel als Brückenbauer

Gastronomie

Im Fünfsternehotel Waldhaus in Sils Maria  stammt fast die Hälfte des Housekeeping-Teams aus Eritrea. Was als Experiment begann, ist heute ein Erfolgsmodell. 

Kooperation mit Kanton

Progresso gehört zu den Weiterbildungsangeboten der Hotel & Gastro Formation. Wenn ein Gastro-Betrieb genug Mitarbeitende hat, kann ein Betriebs-Progresso gebucht werden. Die Kursleiter unterrichten die Teilnehmenden dann, ausgerichtet auf die Bedürfnisse des Betriebes, vor Ort. Das Hotel Waldhaus führte das Betriebs-Progresso in Zusammenarbeit mit der kantonalen Fachstelle Integration erstmals in Graubünden durch. 

«Ein Vierteljahrhundert», sinniert Seraina Tall-Gaudenz. Dass sie schon 25 Jahre als Hauswirtschafterin im Hotel Waldhaus in Sils Maria arbeitet, kommt ihr unwirklich vor. Sie lehnt sich im Chesterfield-Sessel in der Hotellobby zurück und beobachtet das Gewusel um sie herum: Handwerker am Mobiltelefon, die Portiers beim Staubsaugen, das Barteam poliert die Gläser. 

Eritrea - Tessin - Engadin

Seit Tagen bereitet sich das Hotel auf die Eröffnung der Sommersaison vor. Für Seraina Tall-Gaudenz ist es die letzte. «Noch nie bin ich so entspannt in eine Saison gestartet», sagt die Chef-Gouvernante. Das liegt nicht zuletzt am perfekt eingespielten 37-köpfigen Team, wovon fast die Hälfte eritreische Mitarbeitende sind. Als Flüchtlinge hierhergekommen, fanden sie im Hotel Waldhaus Arbeit und Ausbildung. Das 1908 eröffnete Fünfsternehotel beschäftigt seit 2009 einzelne eritreische Geflüchtete. Doch von 2015 bis 2019 kamen aus dem Tessin immer mehr ins Engadin auf der Suche nach Arbeit. Und Seraina Tall-Gaudenz brauchte Personal. 

Schwierige Kommunikation 

Mit dem Segen der Hoteldirektion stellte sie auf einen Schlag zehn eritreische Mitarbeitende, vorwiegend Männer, ein, was ein kleines Erdbeben ausgelöst habe. «Weder die rund 700 Einwohnerinnen und Einwohner in Sils Maria noch die Stammgäste im Hotel, deren Zimmer jetzt plötzlich männliche dunkelhäutige Angestellte reinigten, waren den Umgang mit Menschen aus Eritrea gewohnt», erzählt sie. Und ja, auch die Kommunikation mit den Geflüchteten selbst sei anfangs schwierig gewesen. «Sie haben Schlimmes erlebt, hinterfragten ständig Autoritäten, trauten niemandem, holten sich immer eine Zweitmeinung.» 

Empathie und klare Regeln

Doch Seraina Tall-Gaudenz hatte Verständnis, half beim Familiennachzug, begleitete bei Behördengängen, unterstützte bei der Wohnungssuche. Als Chefin hatte sie aber hohe Anforderungen und setzte klare Regeln. «Die ersten Jahre war ich vielleicht zu streng – einige habe ich wohl zu früh wieder entlassen.» Aber grundsätzlich funktionierte die Zusammenarbeit, sodass das Hotel Waldhaus 2022 ein Betriebs-Progresso (Kasten) eigens für die eritreischen Angestellten organisierte. Ein Novum für Graubünden, das anschliessend noch zwei weitere Male durchgeführt wurde und das Hoteldirektor Claudio Dietrich jederzeit wiederholen würde. «Es hat uns geholfen, in der Hauswirtschaft immer genügend Mitarbeitende zu haben.» Aber: «Die Teamleitung muss das mittragen. Man kann ein solches Projekt nicht von oben herab befehlen.» Und: Nationale Vielfalt im Team ist wichtig. Das Hotel beschäftigt Mitarbeitende aus 17 Nationen. 

Herausforderung als Chance

Seraina Tall-Gaudenz schätzt die Unterstützung der Direktion. Nicht nur, weil sie sich der afrikanischen Kultur verbunden fühlt und ihr Ehemann aus dem Senegal stammt. «Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal afrikanischen Boden betrat, fühlte ich mich daheim.» Es habe ihre Arbeit aber auch bereichert. Und das war mit ein Grund, weshalb sie dem Hotel inzwischen seit einem Vierteljahrhundert die Treue hält.

Familie gegründet 

Die Foyertür geht auf. Ein kleiner Junge ruft Serainas Namen. Kabeal Gerensee ist der dreijährige Sohn von Feruz Nerkebo, 28, und Kidane Gerensee, 29. Beide kamen via Sudan, Ägypten, Griechenland zu Fuss, per Lastwagen und mit dem Boot in die Schweiz, landeten in Sils Maria. Beide lernten sich im Waldhaus kennen. Beide sind heute wichtige Mitarbeitende in Serainas Team. «Wenn Feruz weiter an sich arbeitet und Kabeal älter ist, könnte ihr Weg einmal zur Gouvernante führen», sagt Seraina Tall-Gaudenz. Feruz selbst lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Weg gehen will. Auf ihre Lieblingstätigkeit angesprochen, antwortet sie: «Ich liebe alles bei der Reinigung. Auch daheim putze ich gern.» Ihr Traum: eine Stelle wie die von Seraina. Dafür will sie sich weiterbilden und ihr Deutsch perfektionieren. Einmal pro Woche hütet die Chefin Feruz’ und Kidanes Sohn, macht Ausflüge mit ihm, zeigt ihm die Welt rund um Sils Maria. Vielleicht ist das die schönste Bilanz von 25 Jahren: dass aus einer Arbeitgeberin eine Vertraute wurde, aus Geflüchteten eine Familie.