«Woher kommt das Leiden?»

Gute Frage

Die Pfarrerin und Traumtherapeutin Barbara Zanetti greift vielfältige spirituelle Fragen auf und versucht sie zu beantworten.

Die spirituelle Tradition der Mönche vom Berg Athos antwortet so: Was Gott wirklich wünscht, ist die Eudokia, die Huld, dass wir Menschen in immerwährender Einheit mit ihm leben. Als der Mensch sündig und aus dem Paradies vertrieben wurde, ersetzte er diesen Wunsch durch die Economia. Er bot der Menschheit durch das Senden seines Sohnes, durch die Kirche und die Wunder eine Methode an, wie sie geistlich erlöst werden kann. Doch sie konnte diese Instrumente nicht nutzen. In der Folge liess Gott zu, dass den Menschen scheinbar schmerzhafte Erlebnisse widerfahren, damit sie erwachen, ihre wahre Situation erkennen und damit ihr höchstes Ziel erreichen können: ihr Leben mit Gott vereint zu führen.

Ähnliches ist in hinduistischen und buddhistischen Kosmologien zu finden. Demnach sind wir im letzten Zeitalter angekommen, dem eisernen Abschnitt. Er ist in stärkerem Masse von Krieg und Leiden betroffen als die vorangehenden. Hass, Gier und Verwirrung herrschen vor, eine Phase des Niederganges.

Sünde bedeutet Getrenntsein

Die Diagnose der Religionen lässt sich mit Trennung bezeichnen. Die Menschen leben getrennt von Gott, von sich selber und von anderen. Diesen Zustand bezeichnet die Bibel als Sünde: ein Gefallensein aus dem Ganzen, Ungeteilten, aus dem göttlichen Einssein. Das hat nichts mit Moral zu tun, es geht tiefer.

Diese Aussagen mögen befremden. Man ist krank, arbeitslos oder muss Abschied nehmen von einem geliebten Menschen – und soll daran noch selber schuld sein. Das mythologische Bild von der Schicksalsspinnerin Moira, die auf ihrer Leier spielt, kann weiterhelfen. Ihren Tönen verfallen jene Menschen, die dazu Resonanz  haben. Sie leiden und haben so die Gelegenheit zu erwachen, Zusammenhänge zu erkennen und eine neue Lebensspur einzuschlagen.

Jeder Mensch spricht auf andere Töne an, die es ihm ermöglichen, seine Lebensthemen zu bearbeiten. So ist der Umstand, dass wir Leiden erfahren müssen, wie eine Medizin. Nicht eine Strafe oder ein Verlassensein von Gott, sondern eine – bittere – Arznei. Die gute Botschaft: Die erwähnten Weisheitstraditionen weisen Wege zu einer Wandlung des menschlichen Bewusstseins. Wir sind nicht Marionetten einer tyrannischen Autorität, sondern Miterschaffende. Eine Rückkehr zur Ganzheit ist möglich: Das Ineinanderwohnen von Gott und Mensch bleibt das Ziel der Reise hier auf Erden.