«Sind Träume wirklich Schäume?»

Gute Frage

Die Pfarrerin und Traumtherapeutin Barbara Zanetti greift vielfältige spirituelle Fragen auf und versucht sie zu beantworten.

Ähnlich wie diese Redewendung aus der Volksweisheit lautet ein Lied der Formation «Boss-Buebe»: «S’ isch ja nur es chlises Träumli gsy, Träumli sind ja doch so schnell verby». Wie haben Sie es? Erleben Sie Träume nur als Schäume? Oder sind Sie auch schon von einem eindrücklichen Traum den ganzen Tag begleitet worden? Kennen Sie Albträume?

Gewisse neuropsychologische Forschungszweige bestätigen die obige Redewendung. Für sie sind Träume Tagesrestbilder, Fantasien, Illusionen, und sie leiten das Wort «Traum» vom indogermanischen «draugma» ab – Trugbilder. Ein Märchen der Gebrüder Grimm bringt einen anderen Akzent zum Ausdruck: Reich wird derjenige, der seinen Träumen glaubt – und nicht derjenige, der sie missachtet.

In manchen indigenen Kulturen gehört es zum Morgenritual, dass man sich die Träume erzählt, um herauszufinden, was am heutigen Tag zu berücksichtigen ist. Die Tiefenpsychologen S. Freud und C. G. Jung erkannten Träume als Ausdruck seelischen Erlebens. Ihre Symbole und Geschichten stehen mit Erfahrungen und Problemen in Zusammenhang, weisen auf noch Unbewusstes hin.

Im jüdisch-christlichen Glauben ist Gott die eigentliche Wirklichkeit.
Barbara Zanetti

Was Träume uns bedeuten, hängt mit unserem Wirklichkeitsverständnis zusammen. C. G. Jung schreibt: Wirklich ist, was wirkt. Und nicht nur, was in Experimenten unter Laborbedingungen wiederholt und verifiziert werden kann. Wirklichkeit übersteigt das Begreifen durch unsere fünf Sinne und geht über das verstandesmässige Erfassen hinaus.

Im jüdisch-christlichen Glauben ist Gott die eigentliche Wirklichkeit. Wir können sie erfahren, aber niemals umfassend begreifen. Gott spricht zu uns in Gedanken, Gefühlen und Träumen. Sie  gilt es zu beachten, wollen wir sein Wort vernehmen. Die Träume der Bibel enthüllen den Menschen die Wahrheit über sich selbst und andere, über das Geheimnis ihres Lebens und über die Situation des Volkes.

Sie sind auch der Ort von Gottesbegegnungen. Im Traum kann direkte Weisung erfolgen: welchen Weg wir einschlagen, wie wir uns entscheiden können. So erhalten wir Orientierung im Leben. Die Geburt Jesu ist von Träumen umgeben. Josef erkennt im Traum das Geheimnis von Maria und dem göttlichen Kind. Im Traum fordert ein Engel ihn auf, nach Ägypten zu fliehen. Es lohnt sich, der Sprache Gottes auch heute zu lauschen, den Träumen in unserem Leben Raum zu geben.