Zu jedem Namen weiss das Leben etwas zu erzählen
Zu jedem Vornamen gehört eine Geschichte. Und Namen sind eng mit Herkunft, Zugehörigkeit, Glauben und Selbstbild verknüpft. «reformiert» lässt 15 Menschen zu Wort kommen.
So viele Menschen, und so viele Namen … (Fotos: zvg)

Gundekar Giebel, 66
Steffisburg, Kommunikationsleiter
Mein Vater studierte in Eichstätt am Lehrerseminar. In dieser Stadt in Oberbayern liegt der Bischof Gundekar aus dem Mittelalter begraben. Die Geschichte meines Vornamens haben mir meine Eltern immer so erzählt: Als mein Vater und meine Mutter, damals noch nicht verheiratet, einmal am Hochgrab im Eichstätter Dom standen, habe meine Mutter gesagt: «Sollten wir einmal einen Sohn haben, dann wird er Gundekar heissen.» Mein Vater war einverstanden. Als Historiker hatte er schon immer eine Vorliebe für alte Namen. Auch alle meine vier Schwestern tragen besondere Namen mit geschichtlichem Bezug.
Gundekar ist ein nordischer Name. Man hört ihn überaus selten. In der Schweiz gibt es ihn wahrscheinlich nur einmal, auch in Deutschland hat es ihn wohl kaum gegeben. «Gund» bedeutet in den alten nordischen Dialekten Kampf. In «kar», sprachverwandt mit Karl, Charles, sehen manche Sprachforscher das germanische «wakar», in der Bedeutung von «wacker».
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Sinthuja Thilagaraja, 28
Bern, Pflegefachfrau
Schon als kleines Kind merkte ich, dass ich einen komplizierten Namen habe. Die Kinder in meinem Dorf hiessen Tim, Laura oder Luca.
Weil Sinthuja alle falsch aussprachen und ich mich nicht getraute, die Leute zu korrigieren, nannte ich mich Sinthu. Trotzdem ist mein Name Teil meiner Identität, in ihm spiegeln sich meine tamilischen Wurzeln. Erst in der Oberstufe wurde ich mutig genug, um zu erklären, dass mein Name richtig ausgesprochen Sindutscha heisst, jede Silbe wird gleich lang betont.
Bis heute ist mein Name für mich eine Herausforderung, aber ich habe Wege gefunden, damit umzugehen. Freunde nennen mich Sindi, Sint oder Sinthu, das gefällt mir. Sogar im Beruf stelle ich mich neuerdings als Frau Sinthu vor, denn mein Nachname klingt noch fremdländischer als mein Vorname.
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Dodo Hug, 76
Zürich, Musikerin, Comedienne
Geboren wurde ich als Doris Hedwig. Meine Mutter nannte mich als Kind jedoch stets Dodle oder Dodo. Nur wenn sie böse war, hiess ich Doris. Als Au-pair im Kanton Neuenburg nannte ich mich Doris-Antoinette, weil ich diese Doppelnamen in der Romandie einfach toll fand. Später in Bern nannten mich wieder alle Dodo.
Als junge Sängerin suchte ich mir zunächst einen Künstlernamen. Dodo klang für mich etwas zu anrüchig und unseriös: Im «Milieu» gab es doch die Loulou, Froufrou, Bibi oder eben Dodo. Nach Gesprächen mit Theaterleuten ging ich aufs Ganze und nannte mich wie eine «Puffmutter» Madame Dodo.
Als komische Figur gab ich mir in der Folge den Namen Madam’ Dodo, woraus später auch der Name meines langjährigen Ensembles Mad Dodo entstand. Ab 1994 war ich als Musikerin und Sängerin aber einfach Dodo Hug. Heute nenne ich mich wieder Madâme Dodo und setze gleich noch einen Akzent auf das zweite a, eine Kombination des englischen «mad» (verrückt) und französischen «âme» (Seele), also verrückte Seele.
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Lina Lou Sansano, 21
Bern, Studentin
Mir gefällt mein Name, er hat einen schönen Klang. Allerdings muss ich recht oft etwas dazu erklären oder ihn buchstabieren. Ich glaube, meine Eltern haben sich ziemlich viel überlegt, als sie meinen Namen gewählt haben. Meine Mutter hat argentinische Wurzeln, mein Vater ist Schweizer. Die beiden wollten, dass mein Name sowohl auf Spanisch als auch auf Deutsch gut ausgesprochen werden kann. Ausserdem gibt es in der Familie meiner Mutter viele Doppelnamen.
Auf Berndeutsch werden ja fast alle Namen verhunzt. Mein Name wurde allerdings verschont. Dafür hatte ich in der Schule eine gewisse Zeit den Spitznamen Lilou.
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Gen Atem Wettstein, 58
Solothurner Jura, Künstler
Meinen bürgerlichen Vornamen Anton legte ich in meiner Jugend ab, da sowohl mein Vater als auch mein Grossvater genau gleich hiessen. Nachdem ich nach Zürich gezogen war, an Demos teilnahm und begann, Graffitis zu sprayen, musste ich mir ein Pseudonym zulegen. Inspiriert von einem Schallplattencover mit dem Titel «Genius of Rap» nannte ich mich zunächst «Genius», obschon ich damals gar nicht wusste, was das bedeutete. Jahre später, als ich längst Teil der New Yorker Underground-Szene war, wurde aus «Genius» einfach «Gen».
Doch das wilde Leben kostete mich viel Energie, und so kehrte ich 1994 in die Schweiz zurück. Ich beschäftigte mich intensiver mit Meditation, trat in ein buddhistisches Kloster ein und erhielt die Mönchsordination. Achtsames Atmen entwickelte sich für mich zu einer wichtigen Übung, weshalb «Atem» zum zweiten Vornamen wurde.
Neben meiner Kunst engagiere ich mich heute im Gemeinderat meines Wohnorts und verwende wieder häufiger meinen bürgerlichen Namen. Ein Kreis schliesst sich.
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Poseïdon Lampérth, 18
Zürich, Gymnasiast
Mein Name bedeutet mir heute nicht mehr ganz so viel wie als Kind, er hat mich aber stark geprägt. Als ich jünger war, zogen mich die griechische Mythologie und Kultur sehr an, deshalb begann ich, Griechisch zu lernen. Dass mein Name Aufmerksamkeit erregt, wenn ich mich neuen Leuten vorstelle, daran habe ich mich gewöhnt. Weil er so lang ist, nennen mich meine Kollegen meist nur Bro.
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Elsa Leni Vogelsang, 97
Münchenstein, Rentnerin
Ich heisse Elsa Leni, doch nur meine Grosseltern väterlicherseits nannten mich Elsa oder Elseli, alle anderen Leni. Als ich älter wurde, wollte ich wissen, weshalb. Meine Mutter erklärte mir, dass meine Grossmutter eine Elsa wollte, ihr selbst aber der Name Leni besser gefiel. Um den Konflikt zu entschärfen, tauften sie mich Elsa Leni.
Ich selbst nannte mich immer Leni. Elsa wirkt auf mich eher verhalten. Später wurde ich manchmal gefragt, ob Leni denn mein richtiger Name ist, Abkürzungen waren ja früher nicht so üblich wie heutzutage. Magdalena hätte mir gefallen, weil mich die biblische Figur fasziniert. Leni passt doch gut zu mir, denn der Name wirkt optimistisch, freudig und frisch. Und so fühle ich mich, wenn ich in meinem Garten die Blumen giesse.
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Walter Bütikofer, 61
Kirchberg, Landwirt, Unternehmer
Ich bin in direkter Linie der Dritte in unserer Familie, der Walter heisst. Damit es nicht zu Verwechslungen kam, nannte ich mich Walter jun., als mein Vater noch lebte.
Walter ist ein sehr traditioneller Name. In meiner Generation hiess weit und breit kein anderer Junge so. Mein Name hatte also eine gewisse Exklusivität, und ich wurde auch darauf angesprochen. Ich erwiderte jedes Mal: «Diese Qualität kriegt man heute halt nicht mehr hin.» Wegen meines Namens halten mich Telefonbetrüger für einen betagten Menschen. So musste ich in letzter Zeit immer mal wieder solche Anrufer abwimmeln.
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Keta Vogel, 57
Luzern, Verkehrsplanerin
Meine Eltern gaben mir den Namen Karl. Er begleitete mich viele Jahre, hat aber inzwischen keine Bedeutung mehr für mich. Heute bin ich Keta Vogel. So lautet der Eintrag in meinem Pass, bei Geschlecht steht «weiblich». Nach meinem Outing als Transfrau habe ich mich auf die Reise gemacht und mich innerlich und äusserlich verändert.
Keta hat keine überlieferte Bedeutung. Für mich steht der Name jedoch für Freiheit, weil ich ihn mir selbst ausgesucht habe. In den Namen kann ich jeden Tag ein Stück weiter hineinwachsen. Meine zwei besten Freundinnen sagten sofort: Keta, das bist du! Auch mein Mami stellte sich rasch um. Für sie war der Wechsel vom Sohn zur Tochter anspruchsvoller als der neue Name. Ich weiss: Keta ist der Name, der mich weitertragen wird.
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Sandra Altherr, 52
Münsingen, Kirchgemeindesekretärin
Ich bin dankbar, hat sich meine Mutter durchgesetzt – mein Vater wollte einen anderen Namen. Mir gefällt er gut, er ist schlicht. Ich möchte keinen anderen. Auch als Kind fand ich ihn nie doof, obwohl er damals sehr verbreitet war. Vielmehr war ich stolz, dass ich von allen drei Sandras in der Unterstufe am frühesten im Jahr Geburtstag hatte. Und gut an meinem Namen ist auch: Ich muss nie erklären, wie man ihn schreibt. Einzig einen zweiten Namen hätte ich mir früher noch gewünscht. mar
Momo Mohamed Ali Naseri, 32
Wettingen, Pflegefachmann
Momo ist mein Spitzname. Eines Tages nannte mich eine Schulkollegin so, und mittlerweile bin ich bei allen einfach der Momo, sogar an meinem Arbeitsort.
Mein richtiger Name, den mir meine afghanischen Eltern gaben, ist Mohamed Ali. An der Oberfläche ist es einfach ein Name, wenn ich tief schaue, ist es ein Prophetenname.
Als ich erst einige Monate in der Schweiz war, setzte ich mich im Bus neben eine Frau Anfang 30. Sie machte ein ablehnendes Gesicht, es drückte Hass aus. Ich sagte zur mir: Du bist Mohamed, sei anständig und freundlich. Wenig später bremste der Bus abrupt, und der Inhalt ihrer Tasche rollte über den Boden. Ich half ihr beim Einsammeln, und wir kamen ins Gespräch. Als wir uns das nächste Mal sahen, setzte sie sich zu mir, fragte, was ich mache. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die bis heute hält.
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Daisy Schick-Manz, 77
Burgdorf, Unternehmerin
Als meine Eltern einen Namen für mich suchten, sagte Vater zu meiner Mutter: «Ich hatte einmal eine Freundin, die hiess Daisy.» Als junger, noch lediger Mann war er nämlich viel herumgekommen, im Welschen, aber auch im Ausland. Meine Mutter erwiderte: «Ein schöner Name, den nehmen wir doch.» Sie war sehr unkompliziert. Damals wirkte mein englischer Vorname in meinem Umfeld fast etwas exotisch. Mir gefällt er. «Day’s Eye» oder kurz «Daisy», also Tagesauge: So heissen in England die Gänseblümchen. heb
Schwester Lydia, 73
Bern, Diakonisse
Ursprünglich sollte ich nach meiner Mutter Hanna benannt werden. Doch meine Geschwister hörten in der Sonntagsschule die Geschichte von Lydia, der ersten Christin auf europäischem Boden. Sie waren so begeistert davon, dass sie wollten, dass ich so heisse. So wurde ich Hanna Lydia genannt, wobei Lydia mein Rufname ist.
In meinen Kinderjahren war das ein spezieller Name. Ich kannte kein anderes Mädchen, das so hiess wie ich. Manche Kinder nannten mit «Lidela», weil das einfacher war für sie. Als ich später als Diakonisse im Kinderheim arbeitete, nannte mich eine 6-Jährige «Schwester Halleluja», weil sie meinen Vornamen nicht aussprechen konnte.
Diakonisse wurde ich mit 24. Die Geschichte Lydias, die in Jesu Nachfolge lebte, wurde somit für mich zum Programm. Doch ich musste mich zuerst daran gewöhnen, plötzlich Schwester Lydia zu sein. Zuvor war ich als Kindergärtnerin immer Frau Schranz gewesen.
Aufgezeichnet von ibb
Maria, 7
Zürich, Primarschülerin
Ich habe drei Vornamen, der erste ist Maria, und der gefällt mir am besten. Ich mag das M sehr gern. Auch Ursi, die unten gewohnt hat und jetzt gestorben ist, hat immer gesagt: «Maria ist so ein schöner Name.» Ich kenne noch zwei andere Marias, eine ist unsere Nachbarin, die nennen wir aber immer Nana. Ich finde es schön, dass es viele Marias gibt. Meine Mama nennt mich manchmal Märeli. Als ich klein war, konnte ich das R nicht aussprechen, da hab ich anderen Kindern immer gesagt, ich heisse Maia. Jetzt nennt mich meine kleine Schwester manchmal so.
Augezeichnet von ck
Juda Benjamin Hofer, 36, Riggisberg
Fachmann Betriebsunterhalt
Meine zwei Vornamen erhielt ich, weil mein Vater erwartet hatte, dass es Zwillinge geben würde. Aber dann kam ich doch allein auf die Welt. So heisse ich nun Juda und Benjamin. Der Rufname ist aber Juda, und er ist mir sehr wichtig. Er bedeutet Lobpreis, was gut zu mir passt: Ich habe zum Glauben gefunden und zur Neutestamentlichen Gemeinde in Kehrsatz bei Bern.
Reaktionen gibt es natürlich einige, wenn ich meinen Namen nenne. Als Kind wurde ich sogar gemobbt deswegen – so schlimm ist es aber nicht mehr. Viele fragen einfach erstaunt nach, manchmal auch, ob ich Jude sei. Manche denken, es sei der gleiche Name wie Judas. Aber es ist eben Juda, der vierte Sohn des Stammvaters Jakob.
Aufgezeichnet von mar