Und wenn Gott den Menschen einen Namen gibt, gilt dasselbe?
Ja, dafür ist der König Zedekia ein gutes Beispiel. Er hiess eigentlich Mattanja, das steht in der Bibel. Der babylonische Herrscher Nebukadnezar, der ihn als Vasallenkönig einsetzte, hat ihn umbenannt. Damit zeigte er, dass Zedekia gar kein autonomes Subjekt, sondern von ihm abhängig ist. Zedekia bedeutet auf Hebräisch übrigens Gerechtigkeit.
Immerhin vergab Nebukadnezar einen schmeichelhaften Namen.
Wirklich schmeichelhaft ist der Name gar nicht. Vielmehr ist damit eine Intention verbunden: Nebukadnezar signalisiert mit der Namensgebung, dass er gerecht, nicht willkürlich handelt. Er legitimiert seinen Herrschaftsanspruch.
Vielleicht ist der Name also mehr Anspruch als Zuspruch: Zedekia soll gerecht und somit im Sinn von Nebukadnezar handeln.
Vermutlich schon. Allerdings wird Zedekia dem Anspruch nicht gerecht. Er fällt ab, weshalb Nebukadnezar später Jerusalem zerstören wird. Abfallen bedeutet übrigens, die Steuerzahlungen einzustellen. Da ist die Bibel ganz helvetisch.
Auch Gott benennt Menschen um: etwa Jakob in Israel. Steckt dahinter das Motiv der Taufe, des Neuanfangs für einen Menschen?
Nein, die Umbenennung muss ebenfalls vor dem Hintergrund der Herrschaftsgeschichte interpretiert werden: Dass Jakob in Israel umgetauft wird, zeigt, dass er nun ganz in der Hand Gottes ist. Durchaus in Analogie zu dem, was Nebukadnezar mit Zedekia gemacht hat. Zudem wird in dieser Szene aus Genesis 32 virtuos mit Worten gespielt: Sie spielt am Fluss Jabbok, was ein Wortspiel ist, Jakob ringt mit einem Mann, der sich als Bote Gottes herausstellt, ringen heisst auf Hebräisch «abak».
Jakob wird zum Vasallen Gottes?
Genau. Er wird ja auch zum Stammvater des Volkes Israel.
Wie passt das zu Jakobs Ausspruch: «Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich» (Gen 32,27)? Ein Segen ist doch keine Besitzergreifung.
Das stimmt. Um den Widerspruch aufzulösen, gilt es, das alttestamentliche Konzept des Segnens zu verstehen: Es ist nie eine Einbahnstrasse, sondern auch eine Beziehung. Das hebräische Wort für segnen ist dasselbe wie für Gott preisen. Im Deutschen muss man deshalb das Wort je nach Kontext unterschiedlich wiedergeben.
Dann segnet im hebräischen Urtext der Mensch eigentlich auch Gott?
Ja. Und weil das in unserer Vorstellung nicht sein kann, trennten die Reformatoren und andere Übersetzer den ursprünglichen Begriff auf und sprachen vom Lobpreis.
Im Alten Testament hat Gott einen Namen: JHWH. Warum? In einer monotheistischen Religion muss Gott nicht unterschieden werden, der Koran spricht von Allah: Gott.
Der biblische Gott kommt aus einem kulturgeschichtlichen Kontext, in dem es verschiedene Gottheiten gab. Für einen Gott muss nur dann ein Name vergeben werden, wenn es mehrere Götter gibt.
Und wer war dieser Gott?
Er war der Nationalgott von Israel und Juda. Auch andere Staaten hatten jeweils einen eigenen Gott, der im Tempel verehrt wurde.
Der Zuständigkeitsbereich Gottes endete also an der Landesgrenze?
Ja. Wer in einem fremden Land unterwegs war, brachte für eine sichere Reise dann halt einem anderen Gott ein Opfer dar.
In der Antike herrschte ein additiver Monotheismus, die Menschen verehrten immer nur einen Gott?
Für Kleinstaaten stimmt das. Staat und Religion waren eng verknüpft. Das Grossreich Ägypten hatte eine Vielzahl von Göttern, die aber als Repräsentation göttlicher Einheit verstanden wurden. Einzelne Götter, wie etwa der Sonnengott Re, waren auch übersetzbar, in Mesopotamien hiess er Schamasch.
Hatten die verschiedenen Götter also nicht nur Zuständigkeitsbereiche, sondern auch Aufgaben?
Ursprünglich schon. Von JHWH ist bekannt, dass er ein Wettergott war. In den ältesten biblischen Texten wie Richter 5 wird er als Sturmgott beschrieben, sein Auftritt wird oft mit Blitz und Donner begleitet.
Was ist die Bedeutung des Namens des alttestamentlichen Gottes?
Die Bibel gibt da die berühmte Antwort: «Ich bin, der ich bin» (Ex 3,14). Deshalb wurde der Name oft mit dem Verb «sein» verknüpft. Doch das geht nicht auf, naheliegender ist im Hebräischen die Verbindung zum Verb «wehen», das auf den Sturmgott hindeutet. Wirkmächtig wurde die griechische Übersetzung: «Ich bin der Seiende.» Damit wurde der Gottesname anschlussfähig für die griechische Philosophie.
Der Name Gottes ist in der Bibelübersetzung gar nicht zu finden.
Das hängt damit zusammen, dass ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus der Gottesname nicht mehr ausgesprochen und durch «Herr» ersetzt wurde. Dem haben sich das Neue Testament und die griechischen Bibeln angeschlossen.
Das klingt patriarchal.
Natürlich kann man das so interpretieren. «Herr» ist jedoch zuerst eine Metapher: Gott wird als Herrscher über die Welt verstanden und erhält deshalb jene Attribute zugeschrieben, die auch die irdischen Herrscher auszeichnen.
Manchmal heisst in der Bibel Gott trotzdem einfach nur Gott.
Daran zeigt sich für mich eine der spannendsten Entwicklungen der biblischen Religionsgeschichte. «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» (Gen 1,1). So beginnt die Bibel. Die biblischen Autoren schreiben also im babylonischen Exil nur von Gott, obwohl sie wissen, dass dieser JHWH heisst. Sie sind sich bewusst, dass es viel zu partikularistisch ist, von ihrem Nationalgott zu schreiben, und sprengen die Grenzen der eigenen Gottesvorstellung. Diese geistige Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Aus einem Gott wird Gott.
Genauer wäre, Gott in Kapitälchen zu schreiben. Das Wort, das die Klasse aller Gottheiten bezeichnet, wird als Eigenname gebraucht. Dadurch entsteht ein inklusiver Monotheismus. Es gibt nur einen Gott, der als solcher anrufbar ist. Unterschiedliche Kulturen mögen ihn unter anderen Namen kennen, aber er ist eigentlich immer derselbe.
Lässt sich der Schöpfungsbericht so inklusiv lesen? Dahinter steht doch auch ein Exklusivitätsanspruch.
Natürlich finden sich in der Bibel auch exkludierende Stellen. Zum Beispiel: «Ich bin der Herr und keiner sonst» (Jes 45,7). Damit wird gesagt, dass JHWH der einzige Gott ist, alle anderen Götter sind Hirngespinste. Wenn aber der Begriff Gott zum Namen Gottes wird, steckt dahinter ein Gedanke, der für den interreligiösen Dialog leitend sein kann: Es gibt nur einen Gott, Religionen sind unterschiedliche, sich vielleicht widersprechende Offenbarungen und Erzählungen von diesem Gott. Aber letztlich beziehen sich alle Religionen auf den gleichen Gott.