Im Gefängnis statt auf der Bühne

Repression

Das iranische Regime hat die Revolte gegen die Willkür seiner Sittenwächter brutal erstickt. Der Musiker Toomaj Salehi entkommt dank internationaler Solidarität der Todesstrafe.

Er schrieb die Hymne zu den Protesten im Iran, die im vergangenen Herbst begannen und vom islamischen Regime mit roher Gewalt beantwortet wurden: «Reich und arm, von jeder Ethnie und jedem Stamm, reihen wir uns aneinander wie Patronen, das ist ein Schlachtfeld, unser Schwert ist die Liebe.»

Frauen, Leben, Freiheit

Der Rapper Toomaj Salehi lieh den Frauen, die nach der Ermordung der Kurdin Jina Mahsa Amini durch iranische Sittenwächter letzten September aufbegehrten, seine Stimme. Anfang Oktober veröffentlichte er seinen Song «Schlachtfeld», in dem er einen Protestruf in den Refrain nahm: «Frauen, Leben, Freiheit». Kurze Zeit später wurde Toomaj Salehi verhaftet.

Die iranischen Behörden veröffentlichten schon bald ein Video, in dem der Musiker seine Taten bereute. Menschenrechtsaktivisten gehen davon aus, dass das Geständnis nur unter schwerster Folter zustande gekommen ist. Der 33-jährige Rapper verbrachte 252 Tage im Dastgerd-Gefängnis von Isfahan in Einzelhaft. Dort war Salehi den Misshandlungen durch die Schergen des Mullah-Regimes ausgeliefert.

Gericht verbietet Musik

Mitte Juli wurde nun bekannt, dass das Revolutionsgericht von Isfahan Toomaj Salehi zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt hat. Nach seiner Freilassung darf er das Land zwei Jahre nicht verlassen und laut Urteil sein Leben lang keine Musik mehr machen. Immerhin wurde er inzwischen in den normalen Gefängnisblock verlegt.

Dass Salehi, dem «Korruption auf Erden», Beleidigung des Revolutionsführers und Kontakte zu feindlichen Staaten vorgeworfen wurden, der Todesstrafe entging, dürfte er der internationalen Solidarität verdanken. Politikerinnen, Politiker und Kunstschaffende setzten sich für ihn ein. Ye-One Rhie, deutsche Bundestagsabgeordnete (SPD), die der evangelischen Kirche angehört, übernahm eine politische Patenschaft. Die iranische Schauspielerin Nazanin Boniadi, die in den USA lebt, schrieb auf Twitter: «Er gehört auf die weltweiten Bühnen, nicht ins Gefängnis.»

Kampf gegen Drogen als Vorwand

Die Proteste vom letzten Herbst, die erstaunlich lang anhielten, sind angesichts der Brutalität der Sicherheitskräfte weitgehend versiegt. Viele Sportlerinnen und Sportler und Menschen aus der Film- und Musikwelt, die sich mit der Bewegung solidarisierten, wurden verhaftet.

Mittlerweile hat eine unfassbare Hinrichtungswelle begonnen. Sieben Männer wurden bereits hingerichtet, da sie die Demonstrationen unterstützt hatten. Hinzu kommen 369 Menschen, die seit Jahresbeginn wegen «Drogendelikten» exekutiert wurden. Menschenrechtsorganisationen weisen darauf hin, dass der «Kampf gegen Drogen» vom Regime oft benutzt werde, um Dissidentinnen und Dissidenten irgendwelche Drogendelikte unterzuschieben.

Aufschlussreiches Buch

Die Zeile vom Schwert der Liebe aus Salehis Protestsong gibt auch einem aufschlussreichen Buch von Gilda Sahebi den Titel. Die freie Journalistin wurde im Iran geboren und lebt heute in Berlin. Sie beschreibt eindrücklich, wie aus der Beerdigung im kurdischen Saqqez, wo Jina Mahsa Amini zu Grabe getragen wurde, eine in der Geschichte der 1979 gegründeten islamischen Republik einmalige Protestbewegung erwuchs. Im Trauerzug streiften die Kurdinnen ihre Kopftücher ab und schwenkten sie in der Luft.

Damit die Solidarität nicht abbricht, hat Amnesty International nun eine Kampagne gestartet. Eine Petition fordert die Schweiz auf, politischen Druck auf den Iran auszuüben, damit das Regime die Hinrichtungswelle stoppt.

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