Gesellschaft 27. August 2026, von Stefan Welzel

Der Agrarmafia entkommen

Landwirtschaft

In Süditalien arbeiten Migranten in sklavenähnlichen Bedingungen auf den Erntefeldern. Kirchliche und zivilgesellschaftliche Initiativen helfen beim Weg aus dem Mafia-System. 

Es ist ein atemberaubender Anblick, der sich von Luceras Stadtpark hinab auf die Tavoliere delle Puglie bietet. Bestellte Felder, so weit das Auge reicht. Touristen wie Einheimische geben sich beim Spaziergang der Schönheit der vor ihnen liegenden Tiefebene hin. Es ist die zweitgrösste des Landes und gilt als wichtige Korn- und Gemüsekammer. 

Lucera thront auf einer kleinen Anhöhe und zieht mit seinen charmanten Altstadtgassen jede Menge Fremdenverkehr an. Ein süditalienisches Idyll, wie aus einem Reiseprospekt herausgeschnitten. Auch wenn Apulien nicht zu den wirtschaftlich stärksten Regionen Italiens gehört, so scheint die Welt inmitten spielender Kinder, plaudernder Rentner und entspannt Eis essender Eltern in bester Ordnung.

Nur rund 30 Kilometer weiter östlich und hinter Foggia könnte das Leben kaum gegensätzlicher sein. In Borgo Mezzanone steht das grösste Ghetto für Arbeitsmigranten in ganz Europa. Auf einem stillgelegten Militärflugplatz reihen sich einfachste Baracken und behelfsmässig zusammengezimmerte Wellblechunterstände aneinander. Schafe und Ziegen, vereinzelt sogar Kühe, weiter eine Vielzahl streunender Hunde sowie Katzen tummeln sich um den Abfall, der sich neben den Wegen und auf den Brachen zwischen den Behausungen türmt.

Das Engagement der Citykirche Zürich

Seit fünf Jahren unterstützt die Citykirche Offener St. Jakob Zürich Hilfs­projekte für Migrantenarbeiter in Süditalien. Am Beginn des Engagements stand Milo Raus Film «Das neue Evangelium». Der Schweizer Theater- und Filmregisseur liess No-Cap-Gründer Yvan Sagnet 2020 die Rolle eines modernen Jesus spielen, der sich gegen die sklavenartige Behandlung der Arbeiter auflehnt. Citykirche-Pastorin Verena Mühlethaler sah die Dokufiktion und knüpfte Kontakte zu Rau und Sagnet. Die Citykirche leistet dieser «Revolte der Würde» und deren diversen humanitären Initiativen nicht nur finanziellen Beistand, sie informierte auch schon mittels Ausstellung über die Missstände und organisierte zwei Solidarreisen zu den Ghettos und Hilfsprojekten vor Ort. 

Hier leben Tausende von Erntehelfern, überwiegend männliche Migranten aus Zentral- und Westafrika, in ärmsten Verhältnissen und von jeglicher Infrastruktur abgeschnitten. «Momentan sind es rund 7000», schätzt Yvan Sagnet. Er führt an diesem Frühsommertag eine Gruppe Schweizer Aktivisten und Journalisten durch das Ghetto. Der 41-Jährige kam vor 19 Jahren als Student von Kamerun nach Italien, jobbte hier und dort, um sein Studium in Turin zu finanzieren, und landete 2011 als Tomatenpflücker auf den süditalienischen Feldern. Hier wurde er mit den katastrophalen Bedingungen für die Erntearbeiter konfrontiert, auch mit dem berüchtigten sogenannten Caporalato-System.

Erpressung und Gewalt 

Rund eine Million Menschen sind im italienischen Landwirtschaftssektor als saisonale Erntehelfer tätig. «400'000 bis 500'000 davon leben in sklavenartigen Verhältnissen», sagt Sagnet. Die Mafia überwacht und organisiert die Arbeit. Sie setzt Vorarbeiter – Caporali genannt – ein, um die Helfer anzuwerben und mit Erpressung und Gewalt auszubeuten. Weil die Migranten entweder keine Aufenthaltsgenehmigung haben oder ihnen ihre Papiere von den Caporali abgenommen wurden, sind sie deren Willkür ausgeliefert. 

Arbeitstage von 16 Stunden seien die Norm, die vorgegebenen Ernteziele enorm und fast nicht zu schaffen, erklärt Sagnet. «Von dem kargen Lohn werden die Kosten für Transport, Essen und Trinken gleich wieder abgezogen, zu völlig überrissenen Preisen.» Ein Menschenleben zählt in diesem System nicht viel. Bricht ein Arbeiter erschöpft und dehydriert zusammen, hat er von den Caporali keinerlei Hilfe zu erwarten. 

Das hier ist die Hölle und schlimmer als jeder Slum.
Yvan Sagnet, Aktivist bei No Cap

Sagnet wehrte sich während seiner Zeit als Erntehelfer gegen die Ausbeutung, und er organisierte einen Streik. 2011 gründete er die Organisation No Cap – der Name ist eine Abkürzung von «No Caporali». Die Bewegung wurde zum Verein und setzt sich seither für die Arbeiter und gegen das Caporalato-System ein. «Ich kam hierher, um Ingenieur zu werden – und wurde zum Aktivisten», sagt Sagnet. 

Beim Besuch in Borgo Mezzanone ist die Stimmung an diesem Tag im frühen Sommer «weniger angespannt als auch schon», sagt Christiane Lüst vom süddeutschen Umweltzentrum «Öko und fair», das seit Jahren mit Sagnet und No Cap zusammenarbeitet. Ohne Führung durch jemanden, der den Bewohnern bekannt ist, verirrt man sich besser nicht hierhin, das sei zu gefährlich. Lüst organisierte zusammen mit der Zürcher Citykirche die Reise der Schweizer Gruppe. 

Die Mafia ist vor Ort

Gespräche mit den Bewohnern sind im Laufe der kleinen Visite, die Sagnet anleitet, nur kurz und am Rande möglich. Schnell wird deutlich: Das Leben hier ist menschenunwürdig. Sagnet konnte sich bei seiner Ankunft in Italien kaum vorstellen, dass in Europa solche Orte existieren. «Das hier ist die Hölle und schlimmer als jeder Slum.» 

Bei unserem Besuch werden wir aufmerksam gemustert. Auch von Caporali, wie Sagnet hinterher sagt. Er gibt sich locker und souverän, weiss aber durchaus um die Risiken, denn er kommt öfters hierher, um Arbeiter für Landwirtschaftsbetriebe zu rekrutieren, die gerne mit No Cap zusammenarbeiten möchten. Dann steht Sagnet mit einem Megaphon auf einem Kleinbus und verkündet, dass er eine bestimmte Anzahl Arbeitsplätze mitsamt regulären Arbeitsverträgen, angemessenen Unterkünften sowie dem gesetzlichen Mindestlohn anbietet. Mit anderen Worten: Er holt die Flüchtlinge aus den Fängen der Agrarmafia.

Einer von ihnen ist Modoo Faye. Der 70-Jährige kam schon vor über 30 Jahren nach Italien, arbeitete zunächst im Bausektor. Vor rund vier Jahren landete er auf der Suche nach einem neuen Job in einem Ghetto bei Foggia. 

Wir treffen den Senegalesen in einer Erntehelfer-Siedlung im kalabrischen Corigliano-Rossano. Er redet nicht über seine Zeit im Ghetto, sondern lieber über den Weg heraus aus dem System. «Ich kam schon bald nach meiner Ankunft über einen Bekannten mit No Cap in Kontakt», berichtet Modoo Faye. «Das war mein Glück.»

Er konnte das Ghetto «für immer verlassen». Inzwischen hat Faye die italienische Staatsbürgerschaft und chauffiert Arbeiter von ihren Unterkünften zu den Bertrieben, die zusammen mit No Cap auf eine nachhaltige sowie faire Produktion setzen und einen menschenwürdigen Umgang garantieren. 

«Basta, es reicht!» 

Anfang Juni ging die Meldung von vier brutal ermordeten Arbeitern durch die internationalen Medien. Zwei Männer pumpten bei einer Tankstelle in Kalabrien Benzin ins Innere eines Wagens und setzten diesen in Brand. Das Vergehen der Erntehelfer: Sie hatten sich gegen ihre Ausbeutung und die katastrophalen Arbeitsbedingungen gewehrt. Das mediale Echo in Italien und auch ausserhalb war gross – der Vatikan titelte auf seiner News-Seite: «Basta, es reicht!» 

Gelingt es einem Erntehelfer, aus diesem System herauszukommen, wird das Leben deutlich besser. In Corato, unweit von Foggia, unterhält No Cap mithilfe der katholischen Kirche und Ordensschwester Milena eine Arbeiterunterkunft. Hier leben aktuell rund 15 Männer aus verschiedenen meist zentral- und westafrikanischen Ländern. 

Unterteilt in zwei Arbeitsgruppen, kehren sie am frühen Nachmittag von den Feldern zurück. Momentan ist Erntezeit für Erdbeeren und andere Früchte. Das Tagwerk der Männer beginnt frühmorgens, denn die hohen Temperaturen machen das Pflücken ab dem Mittag zur Qual. Sie beenden ihre Schicht, bevor es unerträglich wird. Doch müde und erschöpft von der Plackerei sind sie auch so. 

In Corato bezahlen sie keine Miete. Kosten wie Strom oder Heizung übernimmt No Cap. Die Unterkunft  ist spartanisch. Mehrere Arbeiter teilen sich ein Zimmer, schlafen auf Etagenbetten. Dem Ghetto und den Caporali zu entkommen, ist ein grosser Schritt. Dennoch bleibt es eine Existenz am Rande der Gesellschaft und ohne Garantie auf ein dauerhaftes Leben in Italien. 

Traum vom besseren Leben 

Seine Zukunft im wohlhabenden Europa hat sich auch Amadu aus Gambia anders erträumt. Der 48-Jährige kam vor zehn Jahren über das Mittelmeer. Er lebte und arbeitete zeitweise in Süddeutschland. Dann landete auch er in einem süditalienischen Ghetto. Er schaffte es, «irgendwie von Tag zu Tag zu überleben». Das kleine bisschen Geld, das er verdiente, wurde ihm wie allen anderen Arbeitern nach den gängigen Methoden schnell wieder abgeknöpft. Sein Plan, seine Frau und die vier Kinder zu Hause in Gambia finanziell zu unterstützen, löste sich in Luft auf. 

Inzwischen kann er ihnen regelmässig Geld zukommen lassen. Sein grösster Wunsch: «Ich möchte meine Familie zu mir holen und die Kinder in die Schule und zur Universität schicken können.» Sein jüngster Sohn ist nun genau zehn – gesehen hat er ihn noch nie. 

In Corato können die Bewohner Sprachkurse nehmen und sich vor dem Gang zu den Behörden beraten lassen. «Es geht unter anderem darum, dass sie selbstständig werden. Wir helfen ihnen dabei», erklärt Yvan Sagnet. No Cap ermöglicht aber nicht nur den Ausstieg aus dem System, der Verein produziert überdies Dosentomaten und vertreibt Früchte und Gemüse unter einem eigenen Markennamen.

Italienischer Zentralstaat hält sich raus

Sagnet und seine ehrenamtlichen Mitstreiterinnen und Mitstreiter bei No Cap sind nicht die Einzigen, die den Migranten beistehen. Es gibt zahlreiche Hilfsprojekte und Initiativen aus der Mitte der Zivilgesellschaft. So steht in Borgo Mezzanone regelmässig eine privat geführte, mobile Sanitätsstation der Organisation Intersos für eine medizinische Grundversorgung bereit, und die Gewerkschaft CGIL betreibt eine Niederlassung im Ghetto. Der italienische Zentralstaat hingegen hält sich weitestgehend heraus. Lediglich die Provinzregierung sorgt mit einigen wenigen mobilen Wassertanks für ein Mindestmass an lebenswichtiger Versorgung. 

Zuweilen helfen sich die Flüchtlinge auch selbst. Ein Beispiel dafür ist die Casa Sankara. Die beiden Senegalesen Hervé Faye und Mbaye Ndaye gründeten vor 14 Jahren diese fast autark funktionierende Siedlung. Die Casa Sankara verfügt über einen legalisierten Status, das Land wird von der Kommune bereitgestellt. «Zuerst war die Skepsis bei den Behörden gross, doch dann erhielten wir grünes Licht, weil die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung gesehen haben, dass wir ein Modell betreiben, das funktioniert», erklärt Faye. 

Keiner wird abgewiesen 

Auf einem 20 Hektar grossen Gebiet zwischen Foggia und Lucera wohnen bis zu 500 Migranten. Ein Trägerverein kümmert sich um deren Aufnahme. Die Menschen erhalten eine Adresse und sind so offiziell angemeldet. «80 Prozent der Leute haben nach ihrem Aufenthalt hier die nötigen Papiere, die sie zum legalen Arbeiten und Leben brauchen.» Und Faye betont, dass «niemand abgewiesen wird».

Die Migranten wohnen nicht nur hier, sie bestellen auch die Felder und ernten Gemüse, unter anderem zur Herstellung von Dosentomaten. Für die landwirtschaftliche Produktion ist eine eigens dafür gegründete Kooperative zuständig. Auch hier lässt der italienische Staat jedweden Beistand vermissen, während von der Region Apulien und sogar über EU-Töpfe finanzielle Unterstützung floss. Inzwischen ist aber auch diese versiegt. Die Siedlung trägt sich weitestgehend selbst und ist darüber hinaus auf Spenden angewiesen. Seit die rechte Regierung unter Giorgia Meloni im Amt ist, hat sich die Situation für Migranten stetig verschlechtert.

Haus der Würde 

Nicht gut zu sprechen auf die Regierung ist Don Antonio Polidoro. Der Priester betreut die Casa Betania in Serra Marina di Bernalda in der Basilikata, der Region zwischen Apulien und Kalabrien. Es ist eine weitere nichtstaatliche Einrichtung, die das Elend von Arbeitsmigranten bekämpft. Die Casa Betania ist wie die Unterkunft in Corato schlicht und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Sie gehört der Kirche und bietet rund 30 Plätze. 

Wir dürfen nicht gleichgültig sein, vor allem nicht als Vertreter der Kirche.
Don Antonio, Priester und Betreuer

Beim Eingang steht «Haus der Würde» auf einer Tafel geschrieben, eine Art Label, das auf das Engagement des Schweizer Regisseurs Milo Rau zurückgeht. Ein Ghetto mit 600 Menschen lag in der Nähe. Innenminister Matteo Salvini liess es räumen, ebenso wie unlängt ein weiteres Ghetto in der kalabrischen Gemeinde San Ferdinando.

Mühlen der Bürokratie 

Das Kabinett Meloni schliesst nicht nur nach und nach Migrantenghettos, ohne den Bewohnern eine Alternative zu bieten. Es «verschärft auch laufend die Bestimmungen, um an Aufenthaltsbewilligungen zu kommen», sagt Don Antonio. Der Priester betreut nicht nur die Unterkunft, sondern organisiert Unterstützung bei administrativen oder juristischen Problemen. 

Ein Berufs- beziehungsweise Arbeitsverbot gilt in Italien nur für die ersten zwei Monate nach Ankunft im Land. Danach erhalten viele Migranten eine Kurzaufenthaltsbewilligung. Mit dieser dürfen sie, bis ihr finaler Status geklärt ist, auch erwerbstätig sein. Allerdings steht ihnen noch ein langer, beschwerlicher Weg durch den bürokratischen Dschungel bevor. 

Ein müder Priester 

Die Räume in der Casa Betania sind zur Mittagszeit leer. Die Arbeiter sind noch auf den Feldern. Don Antonio führt uns in seine nahe gelegene Kirchgemeinde. Dort gewährt er einer jungen Familie Kirchenasyl. Es ist der Sonderstatus eines katholischen Geistlichen, der es ihm erlaubt, solche Formen des Widerstandes zu leisten. «Gegenüber der Kirche sind die Behörden etwas toleranter.» Allerdings finden seine Bemühungen bei Weitem nicht überall Anklang. «Eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Dorf hat erst vor Kurzem gegen mich demonstriert», berichtet er. 

Der 51-jährige Priester erzählt diese Geschichte mit ernster Miene. Er wirkt müde vom jahrelangen Einsatz für einen solidarischeren Umgang mit Asylsuchenden. Das Desinteresse oder je nachdem die offene Ablehnung vieler seiner Landsleute gegenüber der Hilfe für diese bedürftigen Menschen schockiere ihn. «Wir können und dürfen doch nicht einfach gleichgültig sein, vor allem nicht als Vertreter der Kirche», betont er. Als er das erst wenige Wochen alte Kind der geflüchteten Familie kurz in seinen Armen hält, wirkt Don Antonio ein erstes Mal gelöst. Es sind Augenblicke wie dieser, die ihm die Kraft zum Weitermachen geben. 

Draussen vor der Kirche ist ein Hauch von Meeresbrise zu spüren. Bei der Fahrt in Richtung Küstenstädtchen Policoro steht auf einem Strassenkreisel gross und farbenfroh «Land der Erdbeeren». Danach reihen sich die typischen Touristenstrände, Hotels und Resorts aneinander. Ein Strassenschild zeigt an, wie weit es noch nach Matera ist, einem absoluten Hotspot für Touristen. Das Elend der Arbeitsmigranten? Es scheint wie aus einer anderen, weit entfernten Welt.