In den letzten vier Jahren gab es zwei umfassende Forschungsberichte über die Zeit des Nationalsozialismus in Graubünden. Worin unterscheidet sich Ihr Projekt?
Loretta Seglias: Die bisherigen Berichte, von Stefan Keller zu Davos und von Andrea Tognina und Christian Ruch zum ganzen Kanton, sind wichtige Auslegeordnungen zum aktuellen Wissensstand. Das Projekt des Instituts für Kulturforschung Graubünden, in dem Davos im Zentrum steht, bündelt das schon vorhandene Wissen, stellt neue Fragen an die Geschichte und arbeitet auch mit neu einsehbaren Archivquellen. Wir verfolgen einen kollaborativen Ansatz. Das heisst, dass eine Gruppe von qualifizierten Forscherinnen und Forschern unterschiedliche Schwerpunktthemen untersucht. Ziel des Projekts ist eine kuratierte Publikation, die hohe wissenschaftliche Standards erfüllt und zugleich für ein breites Publikum gut lesbar ist.
Welche Themen untersuchen Sie?
Zum einen gehen wir auf die von Stefan Keller und Ruch/Tognina benannten Wissenslücken ein. Zum Beispiel die Praxis der deutschen Sanatorien unter nationalsozialistischem Einfluss, zu der neue Quellen im Staatsarchiv Graubünden zugänglich geworden sind. Wenig bekannt sind unterschiedliche Reaktionen von Bevölkerung und Behörden auf die nationalsozialistische Präsenz. Personen wie Moses Silberroth oder Werner Stocker, die sich in Davos aktiv gegen die nationalsozialistische Ideologie wehrten und bedroht wurden, werden in die Untersuchung einzubeziehen sein. Wir gehen ausserdem über den Zweiten Weltkrieg hinaus, um auch die Nachwirkungen dieser Zeit in den Blick zu nehmen. In diesem Zusammenhang stellen wir uns die Fragen: Woran erinnern wir uns? Und woran nicht und warum?
Historiker Stefan Keller schreibt, dass Verfasser von Lokalgeschichte oft damaligen Protagonisten nahestanden. Wie verhindern Sie das?
Lokalhistorikerinnen und -historiker haben einen Wissensvorsprung. Gleichzeitig stehen sie, wie Sie sagen, historischen Protagonistinnen und Protagonisten nahe. Der bestehende Forschungsstand wird kritisch gewürdigt, nicht einfach übernommen. Für das Projekt stellen wir nun ein Team von qualifizierten Forschenden zusammen, das auch international sein kann, was den Blick erweitern würde. Bis am 30. September läuft die Ausschreibung. Ein externer wissenschaftlicher Beirat begleitet die Forschung.
Was kann das Projekt leisten, wenn heute schon viel bekannt ist?
Das Wissen ist nach wie vor fragmentiert, und einzelne Aspekte sind noch nicht historisch aufgearbeitet. Dass etwa mit Wilhelm Gustloff 1936 ein wichtiger NS-Funktionär in Davos erschossen wurde, wissen viele, alltägliche Verflechtungen, Netzwerke oder Widerstandsformen kennen wir kaum. Geschichte ist ja kein Ablauf einzelner Ereignisse, sondern ein längerfristiger Prozess. Genau das kann die Aufarbeitung zeigen. Dazu gehört auch eine Kultur des Erinnerns.
Was kann eine Kultur des Erinnerns leisten?
Erinnerungskultur macht historisches Wissen sichtbar. Sie kann dies ganz unterschiedlich. Mit Gedenkorten, -tagen, Ausstellungen etwa. In welcher Form dies in Davos geschieht, sollte im Austausch mit der Bevölkerung entschieden werden. Erinnerungskultur ist für eine demokratische Gesellschaft wichtig. Und kritische Geschichtsforschung dient dabei als eine Art Selbstüberprüfung, damit die Geschichten, die eine Gesellschaft von sich erzählt, nicht zum Mythos erstarren oder instrumentalisiert werden. Kritische Geschichtsschreibung unterstützt beim Hinterfragen, bei Präzisierungen und auch dabei, Widersprüchlichkeiten zuzulassen.
Welche Bedeutung hat das Projekt für Davos und den Kanton?
Dass die Gemeinde und der Kanton das Projekt fördern, verdeutlicht die Bedeutung der Aufarbeitung. Deren geografische Reichweite würde ich erweitern. Seit den 1860er-Jahren ist Davos ein Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Gründen zusammenkommen. Es ist ein Ort mit internationaler Ausstrahlung. Deshalb hat auch dieses Projekt eine Ausstrahlung über Davos und den Kanton, vielleicht sogar über die Landesgrenze hinaus.
