Rollende Planung – für Christian Jenny ist das nicht nur ein theoretischer Begriff aus der Projektplanung, es ist buchstäblich sein Alltag. Denn sehr viel Zeit verbringt er auf Schienen rollend. Mehrmals die Woche pendelt er von St. Moritz ins Unterland. «Für mich ist das Reisen ein wichtiges Element», sagt er. Das häufige Unterwegssein ermögliche ihm auch die Sicht des Touristen. Ausserdem: «Seit der Matura bin ich ein Reisender geblieben. Ich habe mehrere Lebensmittelpunkte in meinem Leben», sagt er. Seinen Erstwohnsitz in den Bergen, den Familienknotenpunkt in Zürich. Dann wäre da noch das Bergell.
Illustre Gäste und Souvenirs
Aus dem Büro des Gemeindepräsidenten in der Chesa Cumünela (Gemeindehaus) in St. Moritz erklingt klassische Musik. Die Tür steht offen, Jenny ist am Telefon, Bücher, Schallplatten, Souvenirs von illustren Gästen und an der Wand ein Poster, das Jenny als in die Ferne blickenden Visionär zeigt. Über ihm die St. Moritzer Sonne, die seit seinem Amtsantritt 2018 das neue Gemeindelogo ziert.
Ein Tausendsassa für die Politik
Mit der Wahl des «Tausendsassas», wie ihn die Medien nannten, hat niemand ernsthaft gerechnet, am wenigsten Jenny selber. Dann kam der 12. Juni 2022. «Nie vergesse ich diesen Tag.» Ein «unglaublicher Motivationsschub und ein Vertrauensbeweis» sei die Wahl zur zweiten Legislatur für ihn gewesen. Geholfen haben ihm auch die Stimmen der Jungen, die ihn zur Kandidatur bewegt hätten, sagt er. Es gibt auch kritische Stimmen, dass er zu wenig vor Ort präsent sei, die Zusammenarbeit schwierig, und ja, so richtig von hier sei er ja auch nicht.
Jazz im Kirchgemeindehaus
Doch dass «Leo Wundergut», so sein Künstlername, wenn er als «Gesellschafts-Tenor» mit seinem «Zürcher Staatsorchester» unterwegs ist, nicht nur Worte, sondern auch Taten liefert, zeigt der Erfolg an der Urne. Die Überbauung Islas für 114 Mio. Franken, die Wohnraum, verbesserten Verkehrsfluss sowie Sport- und Industrieinfrastruktur schaffen soll, überzeugte das Volk.
Jenny steht auf und setzt die Nadel auf die Rückseite der Schallplatte. In St. Moritz gründete er vor 18 Jahren das heute angesehene Festival da Jazz mit Grössen aus der ganzen Welt. Damit angefangen hat der Zürcher als 15-Jähriger: Sein erstes Jazzkonzert organisierte er im reformierten Kirchgemeindehaus in Zürich-Witikon. Kein Geringerer als der berühmte Jazzmusiker George Gruntz sass damals am Klavier.
Die Hoffnung gespürt
Aus der Kirche ist er zwar ausgetreten – «Die Institution ist mir zu weit weg von den Menschen» –, aber irgendwie ist Christian Jenny immer ein religiöser Mensch geblieben. Beeinflusst hat den ursprünglich Reformierten die katholische Kirche. Als Solist des Knabenchors verbrachte er fast jeden zweiten Sonntag in einer Messe. Sogar auf drei Papstaudienzen trat der Chorknabe auf. Als Konfirmand reiste er ein paarmal nach Taizé, spürte viel von Hoffnung und Gemeinschaft und sagt von sich, dass er an das Gute im Menschen glaubt, «bevor mich jemand vom Gegenteil überzeugt». Er überlegte, Theologie zu studieren, entschied sich dann für klassische Musik und Theaterwissenschaften. «Heute bin ich ein singender Evangelist», sagt er, der gern geistliche Lieder singt, «und predige an Gemeindeversammlungen.»
Kirche immer ausverkauft
Nebst den «Osterfestspielen» in Pontresina gehört zum Festival da Jazz immer auch ein Konzert in der Kirche San Pietro in Stampa. «Es ist das erste, das jeweils ausverkauft ist», sagt er. Für ihn hat diese Kirche eine besondere Bedeutung. «Vor knapp 20 Jahren habe ich mit meiner Freundin hier einen Stopp eingelegt. Wir pilgerten hoch, bestaunten die Fresken von Augusto Giacometti, testeten die Akustik aus und haben dann dort geheiratet.» Seither ist ihm das Bergell ein Lebensmittelpunkt, um sich vom Engadin zu «erholen». Die nächste Sitzung steht an, bevor er den Zug Richtung Unterland besteigt und alles ein wenig aus der Distanz betrachten kann, als wäre er der Gast.
