Wie fühlt sich das für Sie als Mann an, dauernd Horrornachrichten über Geschlechtsgenossen zu hören?
Ich finde es schrecklich. Mir tun die Gewaltopfer unglaublich leid, und ich schäme mich für diese Männer. Ich fühle mich wie mitbeschmutzt. Gleichzeitig werde ich jedes Mal wieder wachsamer und hinterfrage mich selber. Auch ich kämpfe mit den Erwartungen stereotyper Männlichkeit. Wann ist mein Tun und Lassen einvernehmlich? Wie bin ich in meinem Selbstverständnis als Mann unterwegs gegenüber Frauen, Männern, Kindern? Wo bin ich allenfalls grenzverletzend? Auch ich bin immer wieder gefordert, über respektvolle, lebensförderliche Männerbilder nachzudenken.
Laute Stimmen der Männer, die Gewalt durch Männer verurteilen, gibt es kaum. Können Sie das erklären?
Die hört man tatsächlich kaum. Es gibt schon einige, die sich öffentlich dazu äussern. Doch es braucht viel mehr Männer, die laut werden. Die meisten schweigen, weil wir Männer Angst haben, aktiv unser Verhalten anzuschauen und abzugleichen mit toxischen Männlichkeitsvorstellungen. Denn das würde bedeuten, eigenes Fehlverhalten anzuerkennen und manchmal zugeben zu müssen, dass wir als Lernende und manchmal Irrende durchs Leben gehen. Das würde den Druck wegnehmen, diesen toxischen Erwartungen entsprechen zu müssen. Das allerdings widerspricht eben gerade dem toxischen Bild des starken Mannes, der alles richtig macht.
Wenn ein Mann merkt, dass er auf eine gefährliche, abnormale Bahn im Bereich Sexualität gerät, was soll er tun?
Der Betroffene sollte sich unbedingt Hilfe holen, denn es lohnt sich, in eine respekt- und lustvolle, nachhaltig genussvolle Sexualität zu investieren. Unsere ganze Sexualität ist erlernt und antrainiert und darum grundsätzlich veränderbar. Es ist wichtig, einen Umgang mit devianten Fantasien zu lernen und je nachdem Strategien zu entwickeln, wie delinquentes Handeln verhindert werden kann. In meiner Praxis begleite ich regelmässig Männer, die entdecken, welche tatsächlichen Bedürfnisse hinter solchen Fantasien stecken. Es ist schön und stark zu sehen, wenn Klienten vielfältige Alternativen der Selbstsorge entwickeln. Und wenn sie dann obendrein die Kraft einer sinnlichen, einvernehmlichen Sexualität geniessen lernen.
Wie soll es weitergehen? Was braucht es für Veränderungen in der Gesellschaft?
Es ist elementar, darüber zu reden, hinzuschauen und es auszuhalten, dass es leider so ist, wie es ist. Es gibt solche schrecklichen Gewalttaten, und dies hat auch mit den Geschlechterstereotypen zu tun. Wir müssen uns einsetzen für Geschlechtergerechtigkeit, für konstruktive, gewaltfreie und vielfältige Rollenbilder von Frauen und Männern. Dazu braucht es politische Entscheide, insbesondere aber mehr sexuelle Bildung, mehr Anlaufstellen für sowohl Gewalt als auch Sexualität. Auf individueller Ebene können Paare pflegen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Ich fordere uns alle auf, für Geschlechtergerechtigkeit und Einvernehmlichkeit einzustehen. Das Dranbleiben an diesen Themen ist ein Riesengewinn für alle Beteiligten.