Die Mühseligen und Beladenen unterstützen

Integrationsvisionen

Mit dem dualen Bildungssystem hat die Schweiz einen Integrationsvorteil gegenüber Ländern, die eher auf schulische Leistungen setzen.

Ich bin in einer Blocksiedlung aufgewachsen, wo Ende der 1960er-Jahre auch Gastarbeiterfamilien aus Südeuropa lebten. Die «Tschinggen»-Kinder gingen mit mir zur Schule, und ich mochte die Fragen nicht, die rundherum gestellt wurden: Wie können sie nur ihre Wäsche auf dem Balkon auf­hängen, am Wochenende bis in die Nacht feiern, und was wuchert
da in ihren Gärten? Bald öffnete die erste Pizzeria am Ort ihre Türen, und alle gingen hin. Inzwischen ist die italienische Lebensweise nicht mehr wegzudenken aus dem Schweizer Alltag.

Mit dieser Erfolgsgeschichte von gegenseitiger Bereicherung will ich aktuelle Integrationsprobleme nicht kleinreden. Aber ich möchte für mehr Optimismus werben, dass Integration mit langem Atem auch unter schwierigeren Vor­aussetzungen als damals gelingt.

Praxis statt Theorie

Zu Zeiten der Schwarzenbach-Initiative war die Schweiz ein konjunkturelles Schlaraffenland. Inzwischen sind zum Beispiel die Sozialhilfekosten gestiegen. Auch wegen der Asylsuchenden, die heute meist aus aussereuropäischen Kulturkreisen stammen und unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen.

Die Meinungen, wann jemand als integriert gilt, gehen auseinander, immer wieder wird darüber aus entgegengesetzten Erwartungshaltungen heftig diskutiert. Sinnvoller als theoretische Debatten sind praktische Integrationsoffensiven wie die Vorlehre, die seit letztem Jahr in mehreren Kantonen jungen anerkannten und vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen offensteht. Wenn nur einige der Teilnehmer und Teilnehmerinnen danach eine reguläre Lehrstelle finden, ist das ein Riesenerfolg.

Hilfreiche Menschen

Hier hat die Schweiz mit ihrem Fokus auf das duale Bildungssystem einen grossen Integrationsvorteil gegenüber Ländern, die eher auf schulische Leistungen setzen. Man muss nicht fliessend deutsch sprechen und schreiben können, um mit handwerklichen oder pflegerischen Talenten zu überzeugen.
Natürlich gilt es, schulische Anforderungen der Berufslehre auch zu meistern. Doch nach der Zusage dürfte die Motivation gross sein, und meistens stehen Schlüsselpersonen bereit.

Solche Schlüsselpersonen werden im Gespräch in diesem Dossier mehrmals genannt. Sie geben Nachhilfe, vermitteln einen Job, unterstützen bei Behördengängen, unterrichten Deutsch. Trotz Kontroversen ist die Hilfsbereitschaft in der Schweiz gross. Und all die Helfer­innen und Helfer, die sich auch oft in der Kirche engagieren, verdienen einen grossen Dank!

Was neben dem Fördern und Fordern in der Integration nicht vergessen werden sollte: Auch unter Schweizerinnen und Schweizern ohne Migrationshintergrund gibt es Menschen, die mit der Arbeitswelt nicht mithalten können. Gründe dafür gibt es viele: Vor­belastungen, Krankheit, Beschränkungen, Schicksalsschläge. Bei Geflüchteten kommen noch einige mehr dazu. Die «Mühseligen und Beladenen» (Mt. 11,28) zu stützen ist noch weitgehend unbestritten in der Schweiz. Diese Hilfe muss für alle gelten, die hier leben.