Egal wo die Betrachterinnen und Betrachter stehen, es bleiben blinde Flecken, verborgene Ecken, wie sie für romanische Kirchen typisch sind. «Der Innenraum des Grossmünsters lässt sich nie ganz erfassen», erklärt Pfarrer Martin Rüsch.
Schwebende Figuren
Dass es sich nun während der aufwendigen Sanierung des Zürcher Wahrzeichens mit dessen Hülle ganz ähnlich verhält, ist für Rüsch eine interessante Parallele. Die Fotografin und Künstlerin Shirana Shahbazi hat die Kirche in riesige, farbige Collagen eingekleidet.
Ihre Bilderwelt setzt sich aus privaten Fotografien, Abbildungen aus historischen Quellen und Unterwasserfotografien zusammen. Schwebende Figuren hat die Künstlerin mit iranischen Wurzeln schon für frühere Werke fotografiert und als Motiv eingesetzt.
Undurchsichtige Biografien
Die Vielstimmigkeit sei ihr wichtig, sagte Shahbazi an einer Medienkonferenz Ende März. Ihre Collagen zeigen unterschiedlichste Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt – auch die tierischen.
Für Grossmünsterpfarrer Rüsch spiegelt diese Vielfalt auch die ganz unterschiedliche Herkunft der Besucherinnen und Besucher der Kirche. Rund 700 000 Menschen kommen im Jahr in den Kirchenraum. «All diese Menschn kommen mit ihren subjektiven Biografien und Geschichten, ihren Bildwelten, die uns verborgen bleiben.» Die Kunst am Bau mache diese Vielfalt, die Buntheit, «aber auch die Nichtlesbarkeit der Menschen sichtbar», sagt Rüsch.
Zugeständnis an die Statik
Das Werk, wie es seit Ende April hängt, ist jedoch ein Kompromiss. Sollte ursprünglich das Grossmünster während der Sanierungsphase ganz mit bedrucktem Gerüstgewebe ummantelt werden, wurden nun nur grosse Teilflächen von der Künstlerin gestaltet. Das Gewebe ist zudem transparenter und damit luftdurchlässiger.
Diese Zugeständnisse waren aus Sicherheitsgründen nötig, da ein kräftiger Wind das Baugerüst hätte zum Einsturz bringen können. Der Wind hat übrigens im Kunstwerk einen Auftritt, er kommt aus dem Mund eines pausbackigen Engels aus der Froschauer-Bibel.
Sakristei drängt nach aussen
Rüsch macht auf dem Kunstwerk zahlreiche theologische Referenzen aus: Schlangen erinnern ihn an die Paradiesgeschichte, das Foto eines Totenkopfes an die Endlichkeit.
Shirana Shahbazi hat nicht nur Reformator Huldrych Zwingli auf der Westfassade abgebildet, sondern auch Anna Bullinger. Die Frau des Pfarrers und Reformators Heinrich Bullinger war eine prägende Frauenfigur ihrer Zeit.
Das berühmte Zwingli-Zitat «Tut um Gottes Willen etwa Tapferes», das in der Sakristei an die Wand gemalt wurde, prangt nun auch im öffentlichen Raum auf der Westseite der Kirche. Rüsch weist darauf hin, dass es sich einst um den Aufruf Zwinglis an die Zürcher Regierung handelte, den Konfessionskrieg zu wagen.
Was Tapferkeit bedeutet
Gerade weil das Zitat einen problematischen Kontext hat, lohne es sich, darüber nachzudenken, sagt Rüsch: «Was bedeutet es heute, tapfer zu sein? Was müssten wir wagen?» Verschiedene Begleitveranstaltungen möchten solche Fragen und Herausforderungen, welche die Kunst am Bau aufwirft, ab Sommer aufgreifen. In Podien, im Kino, durch Musik und in verschiedenen Häusern rund ums Grossmünster.
Die Geschichte und die Gegenwart fliessen ineinander in den Collagen, die zuweilen an Kirchenfenster erinnern und in die Stadt hineinstrahlen. Besucherinnen und Passanten, die das Grossmünster hinter dem Bauzaun erahnen müssen, sehen seine charakteristischen Türme nun auch auf dem Vlies abgebildet. Ebenso wie die Türme der Stadtzürcher Wohnsiedlung Hardau, in der Shirana Shahbazi mit ihrer Familie seit vielen Jahren lebt.
Ohne Halt und Orientierung
Die Künstlerin sagte vor den Medien, sie empfinde in einer Welt, in der sich die Ereignisse überschlagen, Orientierungs- und Haltlosigkeit.
Die sich überlappenden Bilder im Allgemeinen und die Unterwasserfotografien im Besonderen erzählen von dieser Stimmung. «Schweben die Menschen nach oben, oder werden sie nach unten gezogen?», fragt Rüsch. Das Kunstwerk, das bis in den Herbst 2027 zu sehen sein wird, lädt dazu ein, eigene Antworten zu suchen.
