Auferstehung aus den Trümmern

Literatur

Ingeborg Bachmann übte pointierte Kritik an der abgestumpften Nachkriegsgesellschaft. Dazu nutzte die vor 100 Jahren geborene Schriftstellerin auch biblische Bezüge.

Ingeborg Bachmann zählt zu den einflussreichsten und bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Literatur. Am 25. Juni wäre die Österreicherin 100 Jahre alt geworden. Am 17. Oktober 1973 starb sie in Rom in einem Spital. Sie litt an Medikamentenentzug und Verbrennungen, die sie sich drei Wochen zuvor zugezogen hatte. 

Einem breiteren Publikum bekannt wurde die Kärntnerin 1953 mit ihrem ersten Gedichtband «Die gestundete Zeit», für den sie von der damals bedeutenden Schriftstellervereinigung Gruppe 47 ausgezeichnet wurde. In ihrer Lyrik setzte sich Bachmann intensiv mit den zivilisatorischen Brüchen ihrer Zeit auseinander, die in den Schrecken des Zweiten Weltkrieges eine nie gesehene Dimension erreicht hatten. 

An dieser Erfahrung wob sie ihre Gesellschaftskritik in vielschichtige, oftmals düstere, zuweilen sogar apokalyptische Verse. Zwischen den Zeilen schimmert jedoch auch die Hoffnung durch, aus der Trümmerwelt des Krieges möge eine bessere Menschheit hervogehen. 

Der evangelische Vater

Allein dieses Muster von Tod und Auferstehung in Bachmanns Gedichten, und später auch in ihrer Prosa, verdeutlicht, dass die Autorin sich religiös und theologisch gefärbter Ausdrucksformen und Bezüge bediente. Allerdings vermeidet Bachmann dezidierte Aussagen über den Glauben, das Christentum und die Religion. Die Dicherin ist als eine vom wissenschaftlichen Denken geprägte Intellektuelle zu verstehen. 

Sie wuchs im katholisch geprägten Kärnten als Tochter eines strengen evangelischen Vaters auf. Die katholische Kirche war für die junge, stark von der Kriegserfahrung beeinflussten Dichterin wohl einfach eine weitere patriarchal organisierte Institution, die sich ebenso wenig entscheidend gegen die Nazi-Barbarei stemmen konnte oder wollte wie andere gesellschaftliche Entitäten. 

Das Leiden der Schöpfung 

Dennoch ist das Religiöse in Bachmanns Werk stets präsent. Im Gedicht «Grosse Landschaft bei Wien» beklagt Bachmann die dauerhafte Beschädigung der Schöpfung durch den zerstörerischen Geist des Menschen: «Maria am Gestade – das Schiff ist leer, der Stein ist blind, gerettet ist keiner, getroffen sind viele, das Öl will nicht brennen, wir haben alle davon getrunken, wo bleibt dein ewiges Licht?» 

Einem weiteren bekannten Gedicht, wie «Grosse Landschaft bei Wien» ebenfalls aus dem Band «Die gestundete Zeit», gibt sie sogar den Titel «Psalm». Darin modelt sie die typischen Formen und Sprachen eines biblischen Liedes um und setzt an deren Stelle ihre ganz eigene Melancholie. Es beginnt mit der Zeile «Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!». Die Abgründe der Naziherrschaft lassen sie sprachlos zurück – und mit ihr schweigen auch die Gotteshäuser. 

Menschlichkeit in der Not 

In ihren späteren Erzählungen arbeitet sie mit Motiven, die wiederholt an biblische Themen erinnern. So beispielsweise im unvollendeten Roman «Der Fall Franza» (1966). Dort wird eine Nilflut zum endzeitlichen Ereignis. Doch die Bewohner der Stadt Wadi Halfa lassen sich trotz grossem Verlust und Leid nicht ihrer Menschlichkeit berauben. Stattdessen leben sie selbst in ihrer Not Gastfreundschaft gegenüber den europäischen Besucherinnen und Besuchern. Später gelingt an anderer Stelle der Wiederaufbau der Stadt und damit ihre Auferstehung. 

Für Ingeborg Bachmann ist die Verwendung biblischer und liturgischer Motive letztlich ein Stilmittel unter vielen, um ihre kritische Sicht auf eine abgestumpfte Nachkriegsgesellschaft darzustellen. Und eines, das ihre Werke an genau jenen Stellen noch effektvoller und eindringlicher macht.