Im Alltag startet kein Mensch einen Panzer und feuert auf andere. Keiner nimmt normalerweise ein Gewehr und erschiesst Menschen. Menschen zu töten ist kein Instinkt von Menschen. Die Hemmung, andere zu verletzen oder zu töten, ist im Normalzustand fast unüberwindbar gross.
Doch im Krieg ist genau das gefordert. Also werden Hemmungen bewusst und gezielt gesenkt. Das geschieht seit Jahrhunderten mit verschiedenen Mitteln: Psychologie, Drogen, Training, Technik. Nun fragt Regina Surber, Philosophin und Postdoktorandin an der Uni Zürich: Ist eine solche Konditionierung okay?
Bewusst verfehlt oder nicht geschossen
In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit dem militärischen Training. Denn erst dieses befähige Soldatinnen und Soldaten, wiederholt und systematisch zu töten. Die Forscherin weist dabei auf die Neurobiologie hin. Bei gesunden Menschen werden dieselben Hirnregionen aktiv, wenn sie Gewalt anwenden, wie bei Scham, Ekel oder Angst. Gewalttätig sein macht also keine Freude.
Auch die Geschichte weist gemäss Regina Surber darauf hin. Ein amerikanischer Militärhistoriker befragte tausende Armeeangehörige der Kompanien im zweiten Weltkrieg. Das zeigte: Die grosse Mehrheit schoss absichtlich daneben – oder feuerte erst gar nicht auf den Feind. Bloss weniger als ein Viertel schoss gezielt, um zu töten oder zu verletzen. «Danach fing die amerikanische Armee an, Soldaten auf eine Art zu trainieren, um die Schiessmomente zu erhöhen», sagt Surber. Mit Erfolg: Im Vietnamkrieg von den 50ern- bis in die 70er-Jahre sollen etwa 95 Prozent Soldaten im Einsatz auf andere Menschen geschossen haben.
Kampftrainings via Völkerrecht verbieten?
Soldatinnen und Soldaten würden also durch Kampftrainings befähigt, wiederholt und systematisch zu töten, hält die Philosophin fest – und zwar durch mentale und physische Konditionierung, wie es auch andere Forschende nennen. Aus Gesprächen mit ehemaligen US-Army-Angehörigen und aus anderen Studien nennt sie als Beispiele das Schiessen auf menschenähnliche Ziele, Kämpfe in detailgetreuen Modellstädten und Trainings mit Computersimulationen. «Das führt mich zur Frage, ob die Trainings moralisch zu rechtfertigen sind.»
Denn die Armeeangehörigen würden nicht nur physisch konditioniert, sondern es werde versucht, die eigene moralische Urteilsfähigkeit einzuschränken oder zu umgehen. Regina Surber folgert deshalb, dass die militärische Konditionierung möglicherweise die Menschenwürde der Soldatinnen und Soldaten verletzt. Deshalb schlägt sie vor, solche Trainings im internationalen Völkerrecht zu verbieten.
Gewissen stärken – nicht ausschalten
Manuel Schmid hält Surbers Vorschlag «für prüfenswert». Der Leiter Theologie und Ethik der Evanglisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) präzisiert allerdings, man müsse unterscheiden zwischen einer Ausbildung zur verantwortlichen militärischen Verteidigung und einer gezielten Ausschaltung moralischer Urteilskraft. Denn Staaten hätten durchaus die Pflicht, ihre Bevölkerung vor Angriffen zu schützen. Aber: «Das Ziel militärischer Ausbildung darf nicht der gewissenlose Kämpfer sein, sondern ein Mensch, der auch unter extremem Druck verantwortungsfähig bleibt.»
