Gesellschaft 01. November 2026, von Marius Schären

Kriegsvorbereitung: Philosophin möchte Völkerrecht ändern

Ethik

Wer angegriffen wird, verteidigt sich: Das ist auch in friedfertigen Kreisen weitgehend akzeptiert. Doch was, wenn Menschen trainiert werden, gewissenloser zu töten?

Im Alltag startet kein Mensch einen Panzer und feuert auf andere. Keiner nimmt normalerweise ein Gewehr und erschiesst Menschen. Menschen zu töten ist kein Instinkt von Menschen. Die Hemmung, andere zu verletzen oder zu töten, ist im Normalzustand fast unüberwindbar gross.

Doch im Krieg ist genau das gefordert. Also werden Hemmungen bewusst und gezielt gesenkt. Das geschieht seit Jahrhunderten mit verschiedenen Mitteln: Psychologie, Drogen, Training, Technik. Nun fragt Regina Surber, Philosophin und Postdoktorandin an der Uni Zürich: Ist eine solche Konditionierung okay?

Bewusst verfehlt oder nicht geschossen

In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit dem militärischen Training. Denn erst dieses befähige Soldatinnen und Soldaten, wiederholt und systematisch zu töten. Die Forscherin weist dabei auf die Neurobiologie hin. Bei gesunden Menschen werden dieselben Hirnregionen aktiv, wenn sie Gewalt anwenden, wie bei Scham, Ekel oder Angst. Gewalttätig sein macht also keine Freude.

Auch die Geschichte weist gemäss Regina Surber darauf hin. Ein amerikanischer Militärhistoriker befragte tausende Armeeangehörige der Kompanien im zweiten Weltkrieg. Das zeigte: Die grosse Mehrheit schoss absichtlich daneben – oder feuerte erst gar nicht auf den Feind. Bloss weniger als ein Viertel schoss gezielt, um zu töten oder zu verletzen. «Danach fing die amerikanische Armee an, Soldaten auf eine Art zu trainieren, um die Schiessmomente zu erhöhen», sagt Surber. Mit Erfolg: Im Vietnamkrieg von den 50ern- bis in die 70er-Jahre sollen etwa 95 Prozent Soldaten im Einsatz auf andere Menschen geschossen haben.

Kampftrainings via Völkerrecht verbieten?

Soldatinnen und Soldaten würden also durch Kampftrainings befähigt, wiederholt und systematisch zu töten, hält die Philosophin fest – und zwar durch mentale und physische Konditionierung, wie es auch andere Forschende nennen. Aus Gesprächen mit ehemaligen US-Army-Angehörigen und aus anderen Studien nennt sie als Beispiele das Schiessen auf menschenähnliche Ziele, Kämpfe in detailgetreuen Modellstädten und Trainings mit Computersimulationen. «Das führt mich zur Frage, ob die Trainings moralisch zu rechtfertigen sind.»

Denn die Armeeangehörigen würden nicht nur physisch konditioniert, sondern es werde versucht, die eigene moralische Urteilsfähigkeit einzuschränken oder zu umgehen. Regina Surber folgert deshalb, dass die militärische Konditionierung möglicherweise die Menschenwürde der Soldatinnen und Soldaten verletzt. Deshalb schlägt sie vor, solche Trainings im internationalen Völkerrecht zu verbieten.  

Gewissen stärken – nicht ausschalten

Manuel Schmid hält Surbers Vorschlag «für prüfenswert». Der Leiter Theologie und Ethik der Evanglisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) präzisiert allerdings, man müsse unterscheiden zwischen einer Ausbildung zur verantwortlichen militärischen Verteidigung und einer gezielten Ausschaltung moralischer Urteilskraft. Denn Staaten hätten durchaus die Pflicht, ihre Bevölkerung vor Angriffen zu schützen. Aber: «Das Ziel militärischer Ausbildung darf nicht der gewissenlose Kämpfer sein, sondern ein Mensch, der auch unter extremem Druck verantwortungsfähig bleibt.»

Weiterführende Texte

Die friedensethische Position des Rates der EKS ist im Juni 2026 veröffentlichten Dokument «10 Fragen – 10 Antworten Friedensethik» ausführlich dargestellt.

Im persönlichen Blogbeitrag «Russen töten. Wie der Zynismus des Krieges alle einholt» beschäftigt sich Manuel Schmid ausserdem mit der Frage, wie der Krieg die Wahrnehmung des Gegners verändert und Menschen zu militärischen Zielen und Verlustzahlen reduziert.

Wichtig findet Schmid, dass die Philosophin auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam macht: Auch Soldatinnen und Soldaten haben eine Würde, die der Staat respektieren muss. Deshalb ist für den Theologen klar: «Wer Menschen durch systematische Konditionierung zu möglichst bedenkenlos funktionierenden Tötungsinstrumenten macht, verletzt diese Würde.» Gerade darum müsse eine militärische Ausbildung das Gewissen und die Urteilsfähigkeit der Soldaten stärken, statt sie auszuschalten. 

Krieg ist nie gerecht

Wie Regina Surber fordert auch Manuel Schmid nicht einfach Gewaltfreiheit. «Militärische Gewalt mag unter bestimmten Bedingungen unumgänglich sein, aber sie wird dadurch nicht moralisch gut», ordnet er ein. Ein Krieg könne also vielleicht rechtmässig sein – aber einen «gerechten Krieg» gebe es aus Sicht der reformierten Friedensethik nicht. 

In seiner aktuellen friedensethischen Stellungnahme halte der Rat der EKS fest, dass militärische Gewalt als äusserstes Mittel zur Abwehr schweren Unrechts notwendig und verantwortbar sein kann. «Dies jedoch nur unter strengsten Voraussetzungen: Die Gewalt muss rechtmässig und verhältnismässig sein, dem Schutz von Menschen dienen und auf die Wiederherstellung des Friedens zielen.» Ein Beispiel dafür sei der ukrainische Verteidigungskrieg gegen die russische Aggression – was allerdings nicht bedeute, dass damit jede einzelne Kriegshandlung gerechtfertigt wäre. 

Verantwortung liegt nicht allein bei Soldaten

Ebenso ist es nicht immer Mord, wenn im Krieg Menschen getötet werden – auch auf der angreifenden Seite wird nicht automatisch jeder Soldat zum Mörder. Das humanitäre Völkerrecht unterscheidet zwischen zulässigen Angriffen auf gegnerische Streitkräfte und verbotenen Tötungen, etwa von Zivilpersonen, Kriegsgefangenen oder Menschen, die sich ergeben haben. «Solche Tötungen sind Kriegsverbrechen und können den Tatbestand des Mordes erfüllen», sagt Schmid. 

Entscheidend seien die konkrete Handlung, das Wissen, die Absicht und die persönliche Entscheidungsfreiheit. Und gerade hier sei Regina Surbers Forschung wichtig: «Wer Soldaten systematisch darauf konditioniert, ihr Gewissen auszuschalten, muss auch nach der Verantwortung derjenigen fragen, die diese Konditionierung anordnen.» Die Verantwortung für das Töten im Krieg liege nicht allein bei denen, die abdrücken.