Gesellschaft 28. September 2026, von Hans Herrmann

Ein geistliches und politisches Erdbeben

Geschichte

Dass sich das mächtige Bern vor 500 Jahren zur Reformation bekannte, wirkte sich nicht nur regional, sondern sogar weltweit aus.

500 Jahre Berner Reformation: In zwei Jahren feiern die Reformierten an Aare und Emme im grossen Rahmen (Text oben). Das ist mehr als gerechtfertigt. Denn bei diesem Geschehen, das in Deutschland begann und sich danach in weiten Teilen Europas ausbreitete, handelte es sich um einen Vorgang von grössten Auswirkungen auf die gesellschafts-, bildungs- sowie wirtschaftspolitischen Entwicklungen der nachfolgenden Jahrhunderte. 

Anders als in Deutschland, wo der Mönch Martin Luther als trotziger «Kraftskerl» die reformatorische Bewegung initiierte, und in Zürich, wo der Leutpriester Huld-rych Zwingli für die Erneuerung des Glaubens einstand, ging in Bern der Prozess zögerlicher vonstatten. Auf geistlicher Seite fehlte in der Aarestadt ein einzelner Kopf, welcher der Reformation ein dezidiertes Gesicht geben konnte. Zwar waren mit Berchtold Haller oder Sebastian Meyer Geistliche am Wirken, die «evangelisch» predigten, also allein aus der Bibel heraus und ohne päpstliche Vorgaben. Aber es gelang ihnen vorerst nicht, den mehrheitlich skeptisch eingestellten Berner Rat zu weiteren Schritten zu bewegen. 

Wirkungsvoll erwies sich in Bern aber die theologische Einflussnahme von Zwingli, und auch zwei antikatholische Schauspiele des Berner Künstlers, Literaten und Politikers Niklaus Manuel fanden grosse Resonanz. Die Stücke kamen beide an der Fasnacht 1523 zur Aufführung und heizten die Stimmung im Volk gegen die Missstände in der damaligen Kirche nachhaltig auf. 

Keine Konfessionsfreiheit 

Zumindest in der handwerklichen Mittelschicht war der Boden um 1525 herum bereitet. Schliesslich setzten sich auch auf politischer Ebene jene Kräfte durch, die der Reformation aufgeschlossen gegenüberstanden. Am Dreikönigstag 1528 begann ein Gespräch, in dessen Folge Bern die Reformation einleitete. Im Februar desselben Jahres wurde ein Mandat erlassen und im Berner Hoheitsbereich verkündet. Von nun an musste sich jeder Berner und jede Bernerin zum neuen Glauben bekennen. Konfessionsfreiheit existierte noch nicht. Die immer noch dem alten Glauben anhängenden Oberländer wurden von der Stadt mit Waffengewalt diszipliniert.

«Für die Berner Räte bedeutete die Reformation vorab einen riesigen Gebietszuwachs», sagte Barbara Studer Immenhauser an einem Medienanlass. Sie ist Staatsarchivarin des Kantons Bern und Präsidentin des Vereins Berner Reformationsjahr 2028. Die Aussicht, durch die Aufhebung der Klöster das Territorium massgeblich erweitern zu können, sei für die damaligen Politiker ein wichtiger Grund für die Einführung der Reformation gewesen. Mit der Übernahme der Klosterländereien von Interlaken, Fraubrunnen, Frienisberg, Trub sowie Münchenbuchsee liessen sich grosse, strategisch gewichtige Lücken im Berner Staatsgebiet schliessen. 

Ein Exportschlager 

Dass Bern reformiert wurde, hatte weitreichende Folgen auch über seinen grossen Herrschaftsbereich hinaus. Als 1536 der Franzose Johannes Calvin nach Genf kam und dort die Reformation vorantrieb, geschah dies unter der Schirmherrschaft des verbündeten Bern, des zu jener Zeit mächtigsten Stadtstaates nördlich der Alpen. Der Genfer Calvinismus wurde zum internationalen Exportschlager und breitete sich insbesondere auch in den USA aus. Wenn also Bern in Bälde seine Reformation feiert, tut es dies im Bewusstsein und Gedenken an ein Geschehen, das ohne Übertreibung als weltbewegend gelten darf.