«Palliativmedizin ist immer individuell»

Medizin

Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, beginnt die eigentliche Aufgabe: begleiten, lindern, da sein. Palliativmediziner Cristian Camartin über seine Arbeit.

Cristian Camartin, 54

Der Mediziner ist verheiratet und hat zwei Töchter. Die Ausbildung zum Internisten absolvierte er in diversen Spitälern in der Schweiz.  Darauf folgte eine Weiterbildung in Palliati-ve Care in St. Gallen, Stockholm und am King’s College in London (GB). Camartin veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Publikationen zur Palliative Care und verfolgt eine Vortragstätigkeit im In- und Ausland

Das Sinnvolle, nicht das Machbare steht im Vordergrund.
Cristian Camartin

«Wenn nichts mehr zu machen ist, gibt es noch viel zu tun», so lautete Ihr Beitrag an der Bündner Pfarrsynode. Was bedeutet das?
Cristian Camartin: Bei uns in der palliativen Versorgung sind Menschen, die unheilbar krank sind. Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Lebensqualität des Erkrankten zu verbessern. Nicht zuletzt durch Schmerztherapien. Neben der körperlichen gibt es vier weitere Dimensionen der Palliativmedizin: die Psyche, das Soziale, das Spirituelle, das Kulturelle. Die Therapie ist stets individuell und geschieht unter der Frage, was ist sinnvoll für den Patienten, nicht, was ist alles noch machbar. 

Müssen denn Menschen, die palliativ versorgt werden, ins Spital?
Nein. Der Grossteil der Versorgung findet daheim statt. Meistens machen das die Hausärzte. Im Kanton gibt es ausserdem den palliativen Brückendienst. Hier versorgen Pflegende die Patientinnen und Patienten zu Hause und können auch Schmerzinfusionen geben, um zu verhindern, dass der erkrankte Mensch ins Krankenhaus muss. Wir vom Spital sind in Rufbereitschaft, wenn etwas wäre.

Wenn dann jemand den Wunsch äussert, daheim sterben zu wollen: Kann das nicht beängstigend sein für die Angehörigen?
Eigentlich ist Sterben in den meisten Fällen nicht dramatisch. Es ist ein Prozess, der sich über eine gewisse Zeit erstrecken kann. Die Körperfunktionen gehen langsam zurück. Das heisst, der Mensch schläft viel, der Atem wird ruhiger, die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme stagniert. In unseren Vorgesprächen raten wir den Angehörigen übrigens davon ab, 24 Stunden am Bett des Sterbenden zu wachen, auch wenn sie das möchten. Die Erfahrung zeigt, dass man Sterbende auch mal allein lassen sollte. Nicht selten stirbt jemand in der Abwesenheit der Angehörigen. Dann wollte die sterbende Person vermutlich allein sein. 

Haben Sie Erkenntnisse darüber, was Menschen am Lebensende besonders beschäftigt?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche wünschen sich, noch einmal unter einem blühenden Apfelbaum zu liegen, andere möchten ein Konzert im Hallenstadion besuchen. Was viele verbindet, ist der Wunsch, nicht leiden zu müssen. Nachdenklich gestimmt hat mich jedoch eine Studie zur Frage, was Menschen am Lebensende auch noch stark beschäftigt: Es sind finanzielle Sorgen.

Ja, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Haben Sie Sorge, dass vulnerable Menschen das Gefühl bekommen könnten, sie müssen gehen, weil sie nicht mehr «leisten»?
Bei den Patientinnen und Patienten, die wir betreuen, sehe ich diese Gefahr nicht. Die Frage stellt sich eher früher – etwa, wenn es um die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Therapie geht: Welchen Nutzen bringt sie, und was kostet sie? Auch beim Eintritt in ein Pflegeheim, das rund 10 000 Franken im Monat kosten kann, entsteht möglicherweise ein finanzieller Druck. Es darf aber keinesfalls eine Situation eintreten, in der finanzielle Aspekte über die Therapie oder Behandlung entscheiden. Dies wäre dann schon eine ungewollte Selektion.

In der Schweiz ist der assistierte Suizid erlaubt. Wie steht er im Verhältnis zur Palliativmedizin?
Der assistierte Suizid bedeutet, dass ein Mensch selbstständig ein tödliches Mittel einnimmt, mit dem Ziel, das Leben bewusst und rasch zu beenden. Die Palliativmedizin hingegen begleitet den natürlichen Sterbeprozess. Ihr Ziel ist es, Leiden zu lindern und die Lebensqualität bis zuletzt zu erhalten. Von den über 5000 Patientinnen und Patienten, die wir in den vergangenen 18 Jahren betreut haben, entschieden sich 16 für einen assistierten Suizid. Dafür mussten sie das Spital verlassen. Der assistierte Suizid ist kein Bestandteil der Palliativmedizin.

Was sollten wir über das Sterben wissen, ehe es so weit ist?
Es ist sinnvoll, sich frühzeitig Gedanken darüber zu machen, wo und wie man sterben möchte. Diese Wünsche sollte man in einer Patientenverfügung festhalten, damit sich das medizinische Personal im Ernstfall am eigenen Willen orientieren kann. Andernfalls werden die Angehörigen in die Entscheidung einbezogen – und unterschiedliche Vorstellungen können die Situation erschweren.

Und Sie als Palliativmediziner, wie gehen Sie eigentlich selbst mit dem Tod um?
Sterben ist Teil des Lebens. Das ist mir bewusst. Wir haben als Mitarbeitende auch die Möglichkeit zur Supervision, wenn wir sie mal benötigen. Ausserdem haben wir jede Woche ein Abschiedsritual für Menschen, die von uns gegangen sind. Doch trotz des vielen Leides steht bei der Palliativmedizin das Leben im Mittelpunkt. 

Palliativmedizin

Die Palliativstation des Kantonsspitals Graubünden ist eine der grössten in der Schweiz. Daneben versorgt und berät der palliative Brückendienst Menschen daheim. Auch Seelsorgende der reformierten Kirche stehen zur Verfügung. Begründerin der modernen Palliativmedizin ist die britische Ärztin
Cicely Saunders.
Brückendienst, täglich 24 Std. erreichbar: 081 250 77 44, 091 880 09 90 (Moesa),
www.palliative-gr.ch/brueckendienst/