«Wir waren exotisch in diesem Dorf»

Kinderwunsch

Ihre Herkunft ist das Lebensthema von Selina Cadonau. Als adoptier-tes Kind erlebte sie zwie­spältige Gefühle.

Selina Cadonau war für ihre Adoptiveltern das absolute Wunschkind. Gleichzeitig fühlte sie sich von ihrer leiblichen Mutter in Indien unerwünscht, verlassen, ihr entrissen. Mit dieser Diskrepanz hatte Selina lange zu kämpfen. Sie fühlte sich entwurzelt. So, als ob sie haltlos durchs Universum schweben würde, wie sie es in ihrem Blog beschrieb, in dem sie sich mit ihrer Herkunft und dem Thema Adoption vertieft auseinandersetzte.

Heute sitzt einem eine 44-jährige, selbstbewusste und lebensfrohe Frau gegenüber, die sagt: «Ich spüre meine Wurzeln, weil ich mein Daheim nicht mehr im Aussen suche. Heute bin ich in mir selbst daheim.» 

Die Mutter kam zum Stillen ins Waisenhaus

Geboren wurde Selina in Indien. Sie kennt den Vornamen ihrer leiblichen Mutter. Sie weiss, dass diese Frau für die Geburt in ein Krankenhaus ging und dass sie fünf Monate lang täglich ins Waisenhaus kam, um ihr Baby zu stillen. 

«Das bedeutet mir sehr viel», sagt Selina, die selber Mutter zweier Töchter ist. «Ja, ich glaube, meine leibliche Mutter wollte mir so ihre Liebe mit auf den Weg geben.» Dieser Weg führte das Baby mit seinen Adoptiveltern ins Bündner Bergdorf Scuol. Dort wuchs Selina mit ihrer Schwester auf, sie ist ebenfalls ein Adoptivkind aus Indien.

Wir waren exotisch in den 1980er-Jahren und in diesem doch kleinen Dorf.
Selina Cadonau

«Wir hatten eine perfekte Kindheit. Unsere Eltern taten alles für uns», erzählt Selina Cadonau. Mit ihrer dunklen Haut und den rabenschwarzen Haaren fielen die beiden Mädchen auf. «Wir waren exotisch in den 1980er-Jahren und in diesem doch kleinen Dorf.» Selina fühlte sich dennoch akzeptiert. Anders als ihre jüngere Schwester habe sie selten Rassismus erlebt, sagt sie. 

Erst als erwachsene Frau wurde Selina Cadonau klar, wie gross der Druck war, der auf der ganzen Familie lastete: Der Vater war Lehrer im Dorf, die Adoption zweier Mädchen aussergewöhnlich. «Es musste einfach funktionieren. Wir mussten gut in der Schule sein und brave Töchter, später erfolgreiche Studentinnen.» 

Zwiespältige Gefühle forderten heraus

Wenn Selina von ihrer Kindheit erzählt, spürt man noch immer etwas von der Zerrissenheit, die sie als junge Frau jahrelang quälte. «Unsere Eltern holten uns ins Paradies, sie ermöglichten uns den besten Start ins Leben, sie liebten uns – da durfte ich doch nicht scheitern, undankbar oder sogar traurig sein.» Heute sagt sie: «Diese zwiespältigen Gefühle sind normal, und ich darf sie zulassen.» 

Ich spürte eine tiefe Sehnsucht, einem Kind ein schönes Daheim zu erschaffen.
Selina Cadonau

Das Thema Kinderwunsch sieht Selina auch von zwei Seiten: Einerseits sei es etwas sehr Schönes, sich Kinder zu wünschen, andererseits schwinge da auch eine Portion Egoismus mit. «Das Kind – ob es nun leiblich oder adoptiert ist – kann zu diesem Wunsch ja nichts sagen.» 

Kinder spielten in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle. Sie hütete als Teenager Babys, leitete Lager und wurde Lehrerin. «Und ich wollte immer Mutter werden. Ich spürte eine tiefe Sehnsucht, einem Kind ein schönes Daheim zu erschaffen.» Zudem wollte sie erleben, wie es ist, Blutsverwandte zu haben. 

Nie nach der leiblichen Mutter gesucht

Ihre Töchter sind zwölf- und neunjährig. «Ich ermutige sie, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihnen entspricht.» Selbstbestimmt. Sie hat sich als Coach selbstständig gemacht und unterstützt Menschen, ihren persönlichen Weg zu finden. 

Nach ihrer leiblichen Mutter hat Selina Cadonau nie gesucht. Was, wenn heute eine Fee zu ihr käme und ein Treffen ermöglichen würde? Cadonau überlegt nicht lange: «Dann möchte ich meine Mutter treffen. Aber nicht, weil mir etwas fehlt. Sondern, weil ich etwas dazugewinnen würde. Aus Interesse. Und aus Liebe.»