Hohe Kosten und rechtliche Hürden

Kinderwunsch

Der Bundesrat hat vor, auch in der Schweiz Eizellenspenden zu erlauben. Eine breite Allianz wie auch kirchliche Stimmen wollen mit Blick auf Single-Frauen sogar noch weiter gehen.

Natürlich: Richtig teuer werden Kinder erst nach der Geburt. Bis zum 20. Altersjahr geben Eltern in der Schweiz je nach Schätzung rund 400' 000 Franken pro Kind aus, also etwa 20' 000 jährlich. Bis zur Geburt kosten sie meistens fast nichts – ausser für die Eltern der rund 2500 Kinder, die jedes Jahr dank der Reproduktionsmedizin in der Schweiz zur Welt kommen. 

Wie viel das kostet, ist nur ungefähr zu beziffern. Sicher sind es mehrere Tausend Franken, je nach Ort, Art der Behandlung und Erfolg. Doch das Feld sei breit, sagt Mischa Schneider vom Kinderwunschzentrum Baden. Der Gynäkologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM) nennt trotzdem einen Richtwert: «Im Falle einer künstlichen Befruchtung kostet ein Zyklus 8000 bis 10'000 Franken.» Kommt es nicht zu einer Schwangerschaft, gibt es Folgekosten. 

Wo die Schweiz hinterherhinkt

Bei der sozialen Gerechtigkeit befindet sich die Schweiz im Vergleich zu Resteuropa aber im Hintertreffen. Wer nicht genug Geld hat, kann sich den Kinderwunsch nicht erfüllen. 

Von der Krankenkasse unterstützt werden in der Regel einzig die diagnostischen Abklärungen bei Unfruchtbarkeit, die Hormonbehandlung bei der Frau für eine künstliche Befruchtung und die Insemination, das heisst das Einführen von Samenzellen (vom Partner oder aus einer Spende) in die Gebärmutter. Für die In-vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik gibt es nichts. In Deutschland jedoch übernehmen die Krankenkassen bis zur Hälfte, in Frankreich sogar alle Behandlungen von Frauen unter 43. 

Von Samenspendern und Leihmüttern: Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt

Eizellenspende
Einer Frau lässt sich Eizellen entnehmen. Diese werden einer anderen Frau implantiert, befruchtet meist mit dem Samen von deren Partner.

Samenspende
Ein Mann gibt seinen Samen, mit dem mittels IVF oder Insemination (Ein­führung in die Gebärmutter) die Eizellen einer Frau befruchtet werden. 

In-vitro-Fertilisation
IVF heisst künstliche Befruchtung von Ei- und Samenzelle im Glas (in vitro). Der Embryo wird dann bei einer Frau in die Gebärmutter eingesetzt. 

Leihmutterschaft
Eine Frau trägt für andere Eltern ein Kind bis zur Geburt aus. Gezeugt wird es meistens mittels IVF mit Samen und Eizellen der Eltern.

Leihmutterschaft bleibt in der Schweiz verboten. Die Eizellenspende ist es auch noch, aber der Bundesrat möchte sie durch eine Gesetzesrevision erlauben (siehe Lauftext). 

Die Kosten sind jedoch nur einer der Faktoren bei der Erfüllung des Kinderwunschs, der mit etwelchen Ungleichheiten einhergeht. So sind in der Schweiz die Eizellenspenden noch verboten. Und bislang ist es nur verheirateten Paaren gestattet, die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung zu beanspruchen. 

Zwar will der Bundesrat mit der vor Jahresfrist eingebrachten Revision des Fortpflanzungsmedizingesetzes einiges ändern. Unter anderem möchte die Landesregierung die Eizellenspende erlauben, beide Spendearten, das heisst Samen und Eizelle, auch unverheirateten Paaren ermöglichen und Schutzmassnahmen für Eizellenspenderinnen festlegen. Die Revision wird grundsätzlich politisch breit begrüsst – aber ebenso breit fordern unter anderem parlamentarische Initiativen weiter gehende Änderungen. 

Breite Koalition für Single-Frauen

Mitglieder aus den sechs stärksten Parteien in Nationalrat fordern, dass auch alleinstehende Frauen Samenspenden sollen empfangen dürfen. Das Anliegen wird auch schon seit fünf Jahren von der Nationalen Ethikkommission (NEK) im Bereich Humanmedizin unterstützt. Sie hielt damals bereits fest, dass sich der Ausschluss von Single-Frauen nicht mit einem Argument fürs Kindeswohls begründen lasse. Diese Forderung steht bei der zuständigen Nationalratskommission am 26. Februar auf der Traktandenliste. Die Diskussion im Parlament ist noch nicht terminiert. 

Auch Manuel Schmid sieht in den aktuellen Regelungen Ungerechtigkeiten. Der Theologe arbeitet als Leiter Theologie und Ethik bei der EKS, der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Als «schwer nachvollziehbar» ordnet er ein, dass Samenspenden erlaubt sind, Eizellenspenden nicht. «Beide Formen der Unfruchtbarkeit – bei Frauen und auch Männern – können Menschen schwer belasten.» Das Verbot dränge Paare ins Ausland, wo oft schlechtere medizinische Standards gälten. «Aus ethischer Sicht verschärft das die Probleme, statt sie zu lösen», hält Schmid fest. 

Wer ein Kind will, muss bereit sein, sich auf das Unverfügbare einzulassen.
Manuel Schmid, Leiter Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS)

Die alleinstehenden Frauen auszuschliessen, bezeichnet der Theologe ebenfalls als nicht mit dem Kindeswohl begründbar. «Studien belegen: Kinder gedeihen in unterschiedlichen Familienformen gut, wenn Liebe, Fürsorge und Stabilität da sind.» Und der Wunsch nach Beziehung, Zukunft und Verantwortung könne auch bei allein lebenden Menschen ebenso tief sein. 

Neben der Samen- oder Eizellenspende gibt es auch das sogenannte «Egg-Sharing». Dieses ist beispielsweise in Grossbritannien erlaubt. Frauen lassen dabei ihre Eizellen gratis einfrieren für eine spätere Einpflanzung bei sich selbst – oder erhalten eine In-vitro-Fertilisation zum halben Preis, sofern sie einen Anteil ihrer Eizellen an andere unfruchtbare Frauen spenden. 

Kinderwunsch ist «einfach menschlich» 

«Eine schwierige Grenze», findet Schmid. Wenn Geld ins Spiel komme, bestehe die Gefahr, dass wirtschaftlicher Druck Frauen in eine Entscheidung treibe, die nicht wirklich frei sei. Und gerade in so sensiblen Bereichen müsse die Frage der Freiheit und des Drucks sehr ernst genommen werden. «Eine Balance zu finden zwischen Anerkennung des persönlichen Einsatzes und dem Schutz der Menschen vor Ausbeutung, ist wichtig.»

Wer für seinen Kinderwunsch viele Ressourcen aufwendet, bekommt manchmal, auch indirekt, den Vorwurf zu hören, egoistisch zu sein. Schmid sieht das aus Sicht der christlichen Ethik anders. Der Wunsch nach einem Kind sei per se weder gut noch schlecht, sondern einfach menschlich. «Ein Kind zu bekommen, bedeutet, Beziehungs- und Lebensverantwortung zu übernehmen; es ist ein Geschenk, kein Konsumgut.» 

Sei die Bereitschaft da, ein Leben zu begleiten, zu schützen und zu tragen, dann sei das schlicht Ausdruck von menschlichem Vertrauen und Hingabe. Was letztlich daraus entsteht, ist nicht kontrollierbar. Entsprechend betont denn Manuel Schmid: «Wer ein Kind will, muss bereit sein, sich auf das Unverfügbare einzulassen.»