Der grosse Bücherschatz unter Tag

Buch

Es stand kurz vor dem Aus. Doch dann wurde das Bücherbergwerk gemeinsam mit einem ehemaligen Pfarrer gerettet. Das Buchantiquariat mit grossem Bestand ist auch Sozialprojekt.

Bücherbergwerk: Allein der Name weckt innere Bilder. Ein Ort, der verknüpft ist mit schwer schuftenden Menschen, Dreck, Dunkelheit und Gefahr – und da sollen Bücher zutage gefördert werden? Diese sauberen, trockenen, papierenen, kompakten Pakete, die Welten erschliessen, von denen man bis zum Lesen vielleicht gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt? 

Tatsächlich fühlt sich der Abstieg zum Bücherbergwerk an wie das Eintauchen in die irdischen Tiefen. Doch dann eröffnet sich im Monbijou-Quartier in der Stadt Bern ein Ort mit einem Reichtum, der in weitem Umkreis seinesgleichen sucht: Mit über 150 000 Büchern auf zwei Stockwerken ist dieses Bergwerk eines der umfangreichsten Buchantiquariate in der Schweiz. Und zugleich ein Sozialprojekt.

Job mit zwei Standbeinen

Seit gut 15 Jahren wirkt Roberta Winterberg hier als Geschäftsführerin. Zwar sagt sie, dass sie auf ihre Ressourcen achten müsse – kein Wunder bei all ihren Aufgaben wie «den Laden führen», Buchhaltung machen, Teilnehmende des Sozialprojekts einführen, Berichte schreiben, die Kommunikation am Laufen halten, kulturelle Anlässe organisieren, Leute einladen.

Die 41-Jährige ist aber nach wie vor begeistert von ihrem Job. «Hier kann ich meine Berufe als Buchhändlerin und Arbeitsagogin miteinander verbinden – das ist wohl das Schönste, was man sich wünschen kann.» Ihre Arbeit sei vielseitig, als Geschäftsführerin mit einer Angestellten sei sie sehr selbstständig. Was ihr besonders am Herzen liegt: «Wir konnten hier schon vielen jungen Erwachsenen zu Lehrstellen verhelfen.» Und schliesslich sei auch der Kundenkontakt sehr schön – «diese Geschichten!», schwärmt die Geschäftsführerin Winterberg.

Menschen und Bücher

An der Monbijoustrasse 16 mitten in Bern breitet sich auf zwei Etagen im Untergeschoss ein Bücher-, CD- und DVD-Angebot aus, das einzigartig ist. Die Secondhand-Medien werden unter Mitarbeit von Menschen zum Verkauf angeboten, die Schwierigkeiten haben, im normalen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Das ursprüngliche Bücherbrockenhaus wurde zwischenzeitlich vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH Bern getragen, heute bildet ein Verein die Trägerschaft. Derzeit nimmt das Bücherbergwerk bis auf Weiteres keine angelieferten Medien an.

Die Adresse ist schon seit Längerem ein Bücherort. «Bis 1998 war die Berner Volksbücherei hier, also die heutige Kornhausbibliothek», sagt Winterberg auf dem Weg ins zweite Untergeschoss. Das sei noch im Parterre des Hauses gewesen. Hier habe dann Heinrich Rohrer, der ehemalige Leiter der Volksbücherei, ein auf Bücher spezialisiertes Brockenhaus betrieben. Doch im Jahr 2003 habe die Hauseigentümerin, eine Versicherung, selbst das Erdgeschoss nutzen wollen. Das Bücherbrocki konnte in den Untergrund ausweichen.

Kiloweise angeliefert

In diesen Jahren habe auch der damalige Geschäftsführer des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) Bern davon gehört, erzählt Roberta Winterberg. 2010 zog sich der Bücherbrocki-Leiter aus seinem Reich zurück, und das SAH übernahm. Es machte aus der Secondhand-Buchhandlung zugleich ein Sozialprojekt. Im März 2011 konnten die ersten Programmteilnehmenden des Hilfswerks ihre Arbeit aufnehmen.

Im zweiten Untergeschoss weist Winterberg im Vorraum des Lifts auf einen grossen Gitterkorb auf Rädern und auf Regalabteile an den Wänden, die mit Rubriktiteln versehen sind. «Hier mache ich die erste Triage», erklärt sie. Manchmal bringen Leute Bücher einfach in Taschen. 

Hier kann ich meine Berufe als Buchhändlerin und Arbeitsagogin miteinander verbinden – das ist wohl das Schönste, was man sich wünschen kann.
Roberta Winterberg, Geschäftsführerin Bücherbergwerk

Und manchmal sind ganze Haushalte aufzuarbeiten. Dann können diese Bestände im Erdgeschoss mit dem Auto herangekarrt und mit dem Lift ins Bücherbergwerk befördert werden. Zurzeit herrsche aber ein Aufnahmestopp, betont Roberta Winterberg. Im Normalbetrieb sortiere sie wöchentlich bis zu anderthalb Gitterkörbe zur Entsorgung aus.

Dass sie nach wie vor hier am Werk ist, sei auch einem Theologen zu verdanken, sagt die Geschäftsführerin Winterberg. Es war der ehemalige Pfarrer Marc van Wijnkoop Lüthi, der zum weiteren Bestehen  des Angebots beigetragen hat. Das SAH musste es 2022 aufgeben, lancierte aber noch eine Spendaktion – mit grossem Erfolg. 

Weiter mit eigenem Verein

Über einen Radiobeitrag hörte van Wijnkoop davon und meldete sich bei Winterberg. «Als IV-Rentner wurde ich Mitarbeiter und konnte die Situation miterleben», sagt er. Zusammen mit Winterberg habe er dann den Verein gegründet, der nun das Bücherbergwerk trage.

«Mich überzeugt die Kombination von Buch, Sozialbetrieb und Kultur», sagt van Wijnkoop, der aktuelle Vereinspräsident. Er schätzt sich glücklich, dass der Bücherverkauf gut läuft. Und auch, dass nach einem Umbau im Gebäude nun wieder Teilnehmende von den zuweisenden Stellen, dem Sozialdienst und der IV, dabei sind. Er und Winterberg würden es sehr begrüssen, wenn wenigstens eine Leistungsvereinbarung mit der IV ein bisschen Sicherheit für die Zukunft der Institution geben könnte. 

Informationen: buecherbergwerk.ch