Die Vorfreude auf die Spiele ist getrübt

Fussball

Klimabelastung, politische Lage: Die Weltmeisterschaften stehen in der Kritik. Fussballfans aus dem kirchlichen Umfeld sagen, wie sie mit Bedenken und Liebe zum Sport umgehen.

Kurz vor dem Anpfiff liegt Spannung in der Luft. Gespräche verstummen, alle Blicke richten sich auf das Fussballfeld. Anpfiff. 

Für einen Moment scheint die Welt stillzustehen. Und dann: Hoffnung, Euphorie und Enttäuschung durchfluten Millionen Menschen. Weniges schafft ein solches Gemeinschaftsgefühl wie Fussball. 

Ausbeutung und Kommerz 

Die Weltmeisterschaften machen aber auch die Schattenseiten sichtbar: Kommerz, Ausbeutung, politische Instrumentalisierung. Laut dem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Level mussten für die WM 2022 in Katar Arbeitsmi­granten aus Bangladesch, Nepal oder Indien unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Zentraler Kritikpunkt des Berichts ist, dass der Fussballweltverband (Fifa) den menschenrechtlichen Verpflichtungen gemäss den Leitlinien der UNO nicht nachgekommen ist. 

Judith Engeler, Theologin und seit 25 Jahren leidenschaftliche Fussballerin, wird die WM in den USA, Mexiko und Kanada trotz allem verfolgen, die am 11. Juni eröffnet wird. Ihren «Konsumentscheid, die Spiele zu schauen» hat sie schon vor Jahren gefällt. Obwohl ihr die WM 2018 in Russland schon Bauchschmerzen bereitet hatte. Genauso wie die WM in Katar vier Jahre später. 

Die Oberassistentin am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Universität Zürich bewertete in Katar die Menschenrechtslage als «besorgniserregend». Den Fernseher eingeschaltet hat sie dennoch: «Ich mag den Fussball einfach sehr gern und werde daheim auch diesmal die Spiele schauen.» 

So wie Judith Engeler werden viele Fussballfans aus Europa das Turnier verfolgen. Denn vom Kontinent werden weniger Besucherinnen und Besucher anreisen als erwartet. Ein Grund sind die teuren Eintrittskarten. 

Kaution von 15'000 Dollar für ein Visum

Hinzukommt, dass Online-Anbieter erstmals Tickets zu beliebigen Preisen auf dem Zweitmarkt verkaufen dürfen, 15 Prozent des Kaufpreises gehen an die Fifa. Mit dieser Preispolitik können Karten für das Finale am 19. Juli in New Jersey inzwischen bis zu 110 '600 Franken kosten, wenn sich ein Käufer findet, dem der Preis egal ist.

Während Europäer in die USA wenigstens einreisen dürfen, ist das Fans von anderen Kontinenten verwehrt, darunter Menschen aus Iran, Haiti, Senegal und der Elfenbeinküste. Personen aus weiteren Staaten erhalten nur ausnahmsweise Visa und müssen eine Kaution von 15 '000 Dollar hinterlegen. Das Motto «Amerika heisst die Welt willkommen», das Fifa-Präsident Gianni Infantino so gerne zitiert, um das Turnier zu bewerben, scheint also bestenfalls für Mexiko und Kanada zu gelten.

Ein Protest seitens der Kirche würde weder dem Fussball noch der Kirche weiterhelfen.
Josias Burger, Pfarrer

«So wie ich mich kenne, werde ich die WM schauen, es wird mich wieder reinziehen, wenn es losgeht», sagt Josias Burger, Pfarrer aus Graubünden und Kapitän der Bündner Fussballmannschaft Pastors United. Anders als bei früheren Weltmeisterschaften verspürt er jedoch noch wenig Vorfreude. 

Auch die Vergabe eines Friedenspreises von Gianni Infantino im Dezember 2025 im Rahmen der WM-Auslosung an US-Präsident Donald Trump sieht Burger kritisch. «Ich sehe in ihm niemanden, der sich besonders für Frieden einsetzt.» 

Dass mit 48 Teams so viele Mannschaften wie nie an der WM teilnehmen werden, sieht Burger als Ausdruck der Kommerzialisierung: «Die Rechnung ist ganz einfach: mehr Länder, mehr Spiele, mehr Einnahmen mit Tickets und Fernsehrechten.»

Die Wunder sehen 

Die Fifa müsse einen Kurswechsel vornehmen, um dem Fussball nicht weiter zu schaden, meint Burger. Einen Protest seitens der Kirche hält er aber nicht für sinnvoll. «Das würde weder dem Fussball noch der Kirche weiterhelfen.» 

Was hingegen beim Glauben an Wunder weiterhelfen könne, sei, Fussball zu schauen und zu spielen: «Wer Fussball verfolgt, dem öffnet er die Augen für Wunder», sagt Burger, der mit seinem Team bereits gegen die Seniorenmannschaft des FC Bayern und eine Auswahl der Schweizergarde in Rom gespielt hat. «Dass ein nach aussen gewölbter Fussrücken einen runden Ball ins Tor bugsiert, ist ein physikalisches Wunder.»

Die Emotionen, die der Fussball auslöst, das Gemeinschaftsgefühl, ist auch für Pfarrerin Janine Liechti aus Köniz der Kern der Meisterschaft. Von klein auf hat sie mit ihrem Vater die Spiele des FC Basel verfolgt und mitgefiebert. Die Freude daran ist geblieben. 

Eine Form der Liturgie auf dem Fussballplatz

«Fussball spricht die breite Masse an, ganz verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen lieben den Sport», sagt die Theologin. Auf dem Fussballplatz erkennt sie gar eine Form von Liturgie: Der Fanmarsch gleiche einem festlichen Einzug in die Kirche, die Gesänge dem gemeinschaftlichen Gemeindegesang, die Choreografie in den Fankurven etwa dem Aufstehen und Absitzen in den Kirchenbänken. Und am Ende eines Matchs entspreche die gesellige Spielanalyse bei Wurst und Bier dem Abendmahl.

Die Entscheidung, die WM mitzuverfolgen oder zu boykottieren, ist persönliche Abwägung. Judith Engeler schaut die Spiele, schränkt jedoch woanders ihr Konsumverhalten ein. Sie vermeidet es zu fliegen. 

Janine Liechti wird bloss für ausgewählte Spiele vor dem Bildschirm sitzen. «Die Fifa scheint sich zunehmend an die Seite von Menschen zu stellen, die keine demokratischen Werte vertreten», begründet sie. 

Josias Burger setzt auf eine kritische Debatte im Vorfeld des Turniers. Später den moralischen Zeigefinger zu heben, lehnt er ab: «Wenn der Ball bereits rollt, als Kirche miesepetrig Bedenken anzumelden, halte ich für den falschen Weg.» So gewinnt  die Freude am Spiel vielleicht doch noch.