Schwerpunkt 27. Oktober 2026, von Anouk Hiedl

Einfach offen sein für das, was geschieht

«zVisite» – Heilung

Die reformierte Pfarrerin Anemone Eglin definiert Handauflegen als eine stärkende Form aufmerksamer Präsenz. 

Die Frau im Spitalbett ist unruhig. Anemone Eglin legt ihr die Hände aufs Knie. Nach einer Weile wird die Frau still und fragt: «Was ist das für eine Kraft? Es ist nicht Ihre.» Eglin fragt zurück: «Was denken Sie?» «Die Kraft Gottes», antwortet die Frau. «Das glaube ich auch», erwidert die Pfarrerin. 

Solche Momente berühren Anemone Eglin. Die Theologin praktiziert das Handauflegen als spirituelles Heilritual. Dabei versteht sie sich nicht als Heilerin. Handauflegen sei für sie Kontemplation und Segen. Hierzu öffne sie sich für eine göttliche Heil- und Lebenskraft und baue einfach darauf, dass «das, was kommt», zum Guten wirke. 

Gespräch ohne Worte 

Diese Kraft erlebte Eglin auch auf Demenzstationen. Als Pfarrerin hatte sie dort oft am Bett von Menschen gesessen und nicht gewusst, wie sie mit ihnen in Kontakt kommen konnte. Über Berührung entstand ein wortloses Gespräch auf Augenhöhe. Eine Frau spielte mit ihren Fingern oder hielt ihre Hand fest. Eine andere, die kaum noch sprechen konnte, sagte unvermittelt: «Du bisch ganz e Liebi.» 

Für Anemone Eglin ist das Wesentliche beim Handauflegen eine absichtslose Haltung: da sein, ohne etwas erreichen zu wollen. Um so zu berühren, brauche es Wohlwollen, Demut, Mut zur Hingabe und die Fähigkeit, von eigenen Vorstellungen abzusehen. Zuvor sammelt sie sich mit einem Heilgebet. Danach richtet sie die Aufmerksamkeit auf ihren Atem, legt ihre Hände an verschiedenen Stellen des Körpers ihres Gegenübers auf und spricht abschliessend einen Segen. 

Der feine Unterschied 

Handauflegen ist für Eglin keine Alternative zur Medizin. Und sie unterscheidet zwischen gesund und heil werden. «Heilung bedeutet nicht, dass alles wieder wie früher wird. Heilung kann geschehen, ohne dass dabei eine Krankheit verschwindet. Jemand fasst wieder Vertrauen, in den Körper, ins Umfeld, in das Leben oder das Göttliche oder findet verschüttete Ressourcen wieder.»

Eindrücklich hat Anemone Eglin dies bei einer alten Frau erlebt, die in einer verstrickten Situation war und vorhatte, ihr Leben mit Sterbehilfe zu beenden. Beim Handauflegen tauchte ein Bild vor ihr auf, in dem sie sich in einem stinkenden Gülleloch befand. Dann wurde das Wasser klar. Ein Jahr lang kam die Frau immer wieder. Danach teilte sie Anemone Eglin mit, sie habe erfahren, dass die Liebe eine Kraft sei. Das helfe ihr nun zum Weiterleben. 

Auf der Palliativstation des Spitals Zollikerberg bedeutet Handauflegen für Anemone Eglin vor allem Präsenz und Linderung, mit einer behutsamen Hand auf der Schulter oder unter der Hand einer Person, die kaum noch ansprechbar ist.

Im Neuen Testament ist überliefert, dass Jesus und die Leute aus seinem engen Umfeld durch Handauflegen heilten. Diese Praxis findet sich auch in anderen Religionen. Für Anemone Eglin ist sie etwas Urmenschliches und gehört auch zu den Aufgaben der Kirche. Das Evangelium sei eine Heilsbotschaft, und Rituale seien Handlungen im segnenden Sinn von «Es möge dir gut gehen». «Unser Grundauftrag ist, für die Menschen heilend da zu sein», sagt die Pfarrerin. So nimmt Heilung ihren Anfang bisweilen über die Hände eines Menschen, der einfach da ist.

«zVisite»

Dieser Text ist eine Produktion der interreligiösen Zeitung «zVisite». zVisite ist eine Kooperation von reformiert., die evangelisch-reformierte Zeitung, Forum, katholisches Pfarrblatt Kanton Zürich, tachles, das jüdische Wochenmagazin, Lichtblick, Zeitung der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Aargau, Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche, Kirchenbote, evangelisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zentralschweiz, dem katholischen Pfarrblatt Bern und dem Online-Magazin religion.ch der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis.