In dieser kleinen Online-Serie geht es um Vögel, Fledermäuse, Insekten und andere Tiere, die in kirchlichen Innen- oder Aussenräumen leben. Um richtige, lebendige Tiere. So lebendig wie die drei Hasen, die in der Kirche Lauperswil im Emmental herumspringen, drei schlanke, drahtige Feldhasen. Sie springen im Kreis, die langen Ohren berühren sich. Jeder von ihnen hat nur ein Ohr – und auf vertrackte Weise trotzdem zwei: nämlich sein eigenes und das eines anderen. Die Tiere verschmelzen so zu einem augentäuschenden Reigen, dem Dreihasenreigen.
Die drei Langohren wirken in der Tat springlebendig. Und doch sind sie nur aufgemalt, zuoberst am Chorbogen als Abschluss der floralen Barockmalerei, die die beiden Bogenwände frühlingshaft und farbenfroh überzieht. Weil dieses von Menschenhand erschaffene Hasentrio kunsthistorisch in der Schweiz eine Sonderstellung einnimmt, sei ihm an dieser Stelle trotzdem ein Artikel gewidmet.
Das Dreihasenmotiv ist alt und im Kanton Bern nur in zwei Gotteshäusern zu finden: einmal in der Kirche Lauenen und einmal eben in der Kirche Lauperswil. Und dann, gesamtschweizerisch, nur noch in der alten Klosterkirche Muotathal.
Eine Deutung ist schwierig
Der vorzugsweise in Kirchen herumrennende Dreihase ist natürlich nicht einfach ein dekoratives Element. Sondern ein Symbol von tieferer Bedeutung. Auf den ersten Blick bietet es sich an, die drei Tiere als Sinnbild der Dreifaltigkeit zu deuten, wie es zum Beispiel im Kunstführer Emmental 1982 geschieht.
Damit liegt man sicher nicht ganz und gar falsch, aber vielleicht auch nicht ganz und gar richtig. Im Kreuzgang des Domes im westfälischen Paderborn nämlich befindet sich ein weitherum berühmtes Dreihasenfenster, das sich die Stadt sogar zum Logo erkoren hat. Entsprechend differenziert weiss man dort über die Bedeutung des Symbols zu berichten.
Der Verkehrsverein, der das Logo verwaltet, schreibt auf seiner Website: Der Hase sei generell ein beliebtes Motiv in der christlichen wie auch in der profanen Kunst. Unter anderem gelte er aufgrund seiner grossen Vermehrungsfähigkeit als Fruchtbarkeitssymbol.
Sehr verbreitet in England
In der christlichen Kunst des Mittelalters war das Tier besonders beliebt, und insbesondere das Motiv des Dreihasen war geografisch weit verbreitet, nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch in Frankreich und speziell in England. Hier begegnet einem das Motiv der im Kreis herumspringenden Hasen in vielen Kirchen.
Und mehr noch: Auch in Asien ist das Motiv bekannt. Kunsthistoriker vermuten, dass es seinen Ursprung in China hat und entlang der Seidenstrasse bis nach Europa gekommen ist. Im taoistischen und buddhistischen China verkörperte es natürlich nicht die christliche Trinität. Hier könnte es ein Lichtsymbol gewesen sein, ein Sinnbild für die Zyklen des zu- und abnehmenden Mondes. Des Mondes deshalb, weil Hasen nachtaktiv sind. Und weil der visuelle Trick mit den drei fehlenden Ohren, die trotzdem nicht zu fehlen scheinen, auf den Mond verweisen könnte. Der Mond ist immer rund und somit vollständig, auch dann, wenn er nur als Sichel oder Halbscheibe am Himmel steht.
Letztlich aber, so die Fachleute, sei der Dreihase wohl noch einmal etwas anderes. Nämlich ein weltweiter Archetyp, der in allen Kulturen ursprünglich dieselbe Bedeutung gehabt habe. Welche, das bleibe vorderhand im Dunkeln.
Still und heimlich
Zurück nach Lauperswil, wo die Hasen seit bald 400 Jahren an der Kirchendecke im Kreis herumtollen, vermutlich von den meisten Besucherinnen und Besuchern unbeachtet. In der Tat: Pfarrer Martin Benetli weiss zwar um den Dreihasen, «ich bin schon manches Mal unter dem Bogen hindurch in den Chor gegangen und habe ab und zu hochgeschaut zu diesem Symbol» – aber mehr auch nicht. In Lauperswil habe diese kunsthistorische Besonderheit eigentlich keine Bedeutung, weder touristisch noch theologisch.
So ziehen denn die Lauperswiler Hasen im Dämmer der Kirche weitgehend heimlich ihre Runden. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn der Hase ist ein scheues Tier und zeigt sich dem Menschen nicht gern. Aus sehr nachvollziehbaren Gründen fernab von aller mystischen Hasensymbolik.
